Auszug aus Teil IV des Buches

"Die andere Wirklichkeit der Homöopathie"

von Jörg Wichmann

Informationen zum Buch

 

"Unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung der Heilkunde fällt es allerdings schwer, die erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit entstandene Schulmedizin als Ausgangspunkt und die übrige Heilkunde als ihre Ergänzung zu sehen." (Bruno Rösch)

 

Selbstbewußt anders

Einstein hat sinngemäß einmal gesagt, man könne die Lösung eines Problems nicht von den gleichen Konzepten erwarten, die zu seiner Entstehung geführt haben. Diese Einsicht können wir nicht nur auf die Schulmedizin anwenden, sondern auf das ganze Weltbild, dessen Ausläufer sie ist. In der Krise der Moderne, die sich in den ökologischen, sozialen und geistigen Krisen der letzten Jahrzehnte niederschlägt, melden ein ganzes Weltbild und die auf ihm beruhende soziale, wirtschaftliche und politische Kultur ihren Bankrott an.

Diese Krisen werden von den Menschen unseres Kulturkreises sehr unterschiedlich bewertet, da es vielen vordergründig recht gut geht und ein weit verbreiteter Wohlstand über viele "Nebenwirkungen" unseres Lebensstiles hinwegsehen läßt. Unsere Gesundheit ist aber unbestechlich und spiegelt sowohl im steten Anstieg chronischer Krankheiten wie auch in der Krise des öffentlichen Gesundheitswesens, daß für unsere Lebensweise ein immer höherer Preis zu zahlen ist. Hier wird die Krise den meisten Menschen deutlich bewußt – besonders wenn sie selbst krank werden. Mangels einer verbindlichen spirituellen Haltung ist die Gesundheit in unserer westlichen Gesellschaft zum höchsten Wert des persönlichen Lebens aufgestiegen, wie alle Umfragen zeigen. Auf der Bühne der Gesundheitspolitik werden deshalb heftige ideologische und Machtkämpfe ausgetragen. Obwohl weite Teile der Bevölkerung sich sanfte und ganzheitliche Heilverfahren wünschen, begünstigen die politisch Verantwortlichen ausschließlich die technisierte und chemische Medizin.

Angesichts der vielfältigen Nebenwirkungen und Gefahren, die von der modernen Medizin ausgehen, läßt sich leicht verstehen, daß viele Menschen nach echten Alternativen suchen. Eine solche grundlegende Alternative bietet die Homöopathie. Wie andere ganzheitliche Heilmethoden ist sie nicht eine sanfte Ergänzung zu den üblichen Mitteln, sondern ein voll wirksames alternatives Heilsystem in sich. Sie hat ihre eigenen Methoden und Ziele und ist der Schulmedizin ebenbürtig. Ganzheitliche Verfahren und Schulmedizin stehen aber auf einem gänzlich verschiedenen weltanschaulichen Boden und widersprechen sich in ihren Vorgehensweisen stark.

In einem freiheitlichen Staat wäre zu erwarten, daß wir als mündige BürgerInnen das Recht haben, unsere Weltanschauung, unsere Wissenschaft, die Art unserer Lebensgestaltung und auch unsere medizinische Behandlung selbst auszuwählen, ohne von bestimmten Ideologien bevormundet zu werden. Tatsächlich ist es aber so, daß die ganzheitlichen Heilweisen sich vor Vertretern der Schulmedizin rechtfertigen und die Wirksamkeit ihrer Verfahren anhand von mechanistischen Maßstäben beweisen müssen, die dafür völlig ungeeignet sind. Stillschweigend wird dabei vorausgesetzt, daß die etablierte Schulwissenschaft als Ideologie allgemeingültig sei, objektiv und für alle BürgerInnen als Maßstab gültig. Mag sein, daß es in Mitteleuropa über einige Jahrzehnte einen solchen Konsens gab, doch ist dieser im Laufe der achtziger und neunziger Jahre verschwunden. Unsere Gesellschaft ist pluralistisch geworden in dem Sinne, daß eine Vielfalt an Überzeugungen, Glaubens- und Lebensformen nebeneinander existieren dürfen. Nur in der Medizin gibt es eine alles beherrschende Ideologie, die vom Staat gestützt wird. Es wurde jedoch im Laufe dieses Buches deutlich, daß das schulmedizinische Weltbild nur eines unter mehreren möglichen ist, daß auch andere Weltbilder mit ihren medizinischen und wissenschaftlichen Methoden in sich schlüssig sind und auf einen großen Schatz an Erfahrungen zurückgreifen können. Warum sollten sich die alten und bewährten ganzheitlichen Formen der Medizin von der recht jungen und erst in wenigen Generationen erprobten Schulmedizin beurteilen lassen und ihre Vorherrschaft akzeptieren?

 

Eine Frage der Toleranz

Manche wundert es, warum sich in Gesprächen zwischen VertreterInnen der Schulmedizin und der Alternativmedizin eine derart tiefe Kluft, bis zur Feindseligkeit auftut. Ließe es sich nicht trefflich nebeneinander existieren und zum Wohle der Menschheit zusammenwirken? Bei diesem frommen Wunsch wird vergessen, daß Schulmedizin und ganzheitliche Medizin nicht nur zwei Methoden bilden, die auch koexistieren könnten. Vielmehr handelt es sich um eine Kluft in Weltanschauung, Wissenschaft, Ethik und Menschenbild, wie sie tiefer kaum sein könnte. Die Zielrichtungen dessen, was die jeweiligen Disziplinen anstreben, sind in vieler Hinsicht sogar gegeneinander gerichtet. Unter "Heilung" verstehen die einen das Verschwinden von unliebsamen, sinnlosen und sogar gefährlichen Symptomen, während die anderen mit "Heilung" die Aufnahme der Symptome in eine größere Lebensganzheit, um ihr Verstehen und ihre Auflösung durch Annahme meinen. Über einen solchen ideologischen Graben hinweg ist schon bloße Verständigung eine mühsame Aufgabe. Zudem wird die Kommunikation durch ein objektives Machtgefälle erschwert, da die Schulmedizin staatlich und rechtlich bevorzugt wird. – Zu dieser oft fehlgehenden Verständigung möchte das vorliegende Buch einen Beitrag leisten, der aber zunächst nur in einer möglichst ehrlichen Klärung der Positionen bestehen kann.

Die Forderung nach einer besseren Verständigung, nach Toleranz läßt sich leicht aufstellen, stellt bei näherem Hinschauen aber einen unglaublich hohen Anspruch dar. In der Entwicklung einer persönlichen Weltanschauung können wir grob drei Stufen unterscheiden, die jedes Individuum für sich selbst erringen muß. Die erste Ebene des Verstehens bildet die naive Übernahme der Tradition. Alle Menschen lernen über Eltern und Schule eine bestimmte Sicht der Welt kennen, die sie sich aneignen müssen, bevor eine Weiterentwicklung daraus möglich ist. Vielen reicht diese Stufe aus, sie bleiben in der erlernten Tradition, die ihnen ausreichendes Werkzeug liefert, um in der Welt zurecht zu kommen und ihre Erfahrungen einzuordnen. Hat sich die Weltsicht einmal bewährt und stabilisiert, werden sie erheblichen Widerstand dagegen leisten, die Grundstruktur ihrer Wirklichkeit in Frage stellen zu lassen. Diese Haltung ist natürlich und notwendig. Alle Menschen verhalten sich zunächst so, sonst könnte es keine in sich konsistente Kultur geben.

Manche Menschen stoßen allerdings auf unüberwindbare Widersprüche in der traditionellen Welterklärung oder machen Erfahrungen, die dazu im Widerspruch stehen – etwa in Begegnungen mit anderen Kulturen oder in persönlichen Krisen. Sie rebellieren gegen das Althergebrachte, fühlen sich von der Tradition betrogen und von einem ganzen Bereich der Wirklichkeit ausgeschlossen. Die neu entstehende Weltanschauung orientiert sich zunächst an der Ablehnung der alten, und manche Menschen entwickeln sogar einen Drang, die anderen zu widerlegen. Schließlich wird die neue Weltanschauung stabil und ebenso verteidigt, wie zuvor die alte. Auch dies ist eine natürliche und notwendige Entwicklung, die wir an einzelnen Personen ebenso wie bei ganzen Subkulturen und geschichtlich an Kulturen beobachten können.

Die dritte Stufe des Verstehens ist die Einsicht in die Berechtigung aller geistigen Richtungen und die Toleranz für sie. Wenn man es ernst meint, ist die Toleranz am schwierigsten und nur durch heftige innere Krisen zu erreichen. Unsere lockere Toleranz beruht oft nur darauf, alles nicht recht ernst zu nehmen und nicht richtig nachzudenken. Für einen wirklich überzeugten Schulmediziner, der sich den grundlegenden Fragen aussetzt, kann es nicht leicht sein, die Homöopathie zu tolerieren. Aus seiner Sicht muß es so aussehen, daß homöopathische Behandler ihre Patienten betrügen, weil sie eindeutig und nachweisbar unwirksame Medikamente geben. Zuckerkügelchen können nach seinem Weltbild nicht wirken; und er muß überzeugt sein, daß auch seine homöopathischen KollegInnen dies wissen – schließlich sind sie wie er naturwissenschaftlich ausgebildet worden. Wenn er seine eigene Theorie und Erfahrung von der Welt, nach der er schließlich täglich arbeitet, ernst nimmt, kann es zu diesen Erkenntnissen keine "Alternativen" geben. Zuzugeben, daß Homöopathie wirken könnte, bedeutet, die Grundlagen der eigenen Arbeit und seine innersten Überzeugungen zu erschüttern.

Die innere Einsicht, daß es verschiedene Weltanschauungen geben kann, die nicht nur oberflächlich oder abstrakt philosophisch, sondern bis in die Lebenspraxis, ja, bis in die Wahrnehmung hinein die Welt anders sehen, anders ordnen – die geradezu in einer anderen Art von Wirklichkeit leben –, diese Einsicht ist nicht leicht zu erlangen und oft noch viel schwerer zu ertragen. Wer einem alternativen Weg folgt, sollte für diese psychologische Tatsache bei anderen Menschen Verständnis aufbringen. Jemand, der selbstbewußt und selbstverständlich etwas völlig Anderes tut, ist schwerer auszuhalten als ein ideologischer Gegner innerhalb des eigenen Systems. Und es sind diejenigen, die es ernst meinen, die sich wehren müssen. Die Oberflächlichen und Ignoranten werden sich nicht in Frage gestellt fühlen, weil sie die Anfrage nicht einmal verstehen und als solche erkennen können. Ihre Ignoranz verwechselt man leicht mit Toleranz.

Das Verhältnis von Weltanschauungen ist ähnlich wie das verschiedener Völker: Wurde ein Volk lange Zeit von einem anderen unterdrückt und durfte die eigene Kultur nicht entfalten, dann gibt es in diesem Volk immer solche, die gern so wären wie die mächtigeren Unterdrücker und die sich anzupassen suchen. Und es gibt die Radikalen, die die Unterdrücker abschaffen wollen, sich rächen und selbst zu Unterdrückern werden. Der Weg zu einem friedlichen Nebeneinander führt aber über beide Wege nicht, sondern setzt echte Gleichberechtigung voraus. Eine freundliche und friedliche Partnerschaft ist erst möglich, wenn das bislang unterdrückte Volk in Ruhe und Freiheit seine eigene Kultur und seine eigenen Werte und Lebensweisen entfalten und weiterentwickeln kann und darin Stabilität gewonnen hat. Dann erst kann man wieder aufeinander zugehen und entdecken, welche Stärken und welche Schwächen der jeweils andere hat, wie man sich ergänzen und wie man zusammenleben kann. – Das wird für die heute vorherrschenden Schulwissenschaften und die alternativen Weltbilder ein langer Weg sein.

 

 

Zwei Weltanschauungen und zwei medizinische Wege in Schlagworten

Hermetisches/ holistisches Weltbild
  • Welt als geordnete Ganzheit
  • Kosmos
  • Universum aus sinnvollen Bezügen
  • analoge und kausale Strukturen
  • Leben als eigenständiges Phänomen (Vitalismus)
  • Erkenntnis durch Beobachten und Einfühlung
  • intuitiv – synthetisch
  • unterschiedliche Bewußtseinsebenen
  • Verstehen mit dem Ziel der Weisheit
  • spirituell
Naturwissenschaftlich-mechanistisches Weltbild
  • Welt als Zufallsprodukt aus Atomen, Energien und physikal.Gesetzen
  • Chaos
  • Universum aus zufälligen Kausalitäten
  • nur kausale Strukturen
  • Leben als Folge chemisch-physikalischer Zusammenhänge
  • Erkenntnis durch Messen und Berechnen
  • analytisch
  • nur Alltagsbewußtsein gültig
  • Information mit dem Ziel der Beherrschung
  • agnostisch
Homöopathie und ganzheitliche Heilweisen
  • ich bin krank
  • der/die Kranke als Ausgangspunkt
  • Erreger besiedeln krankes Gewebe
  • Kranksein als Weg
  • Symptom als nützlicher Wegweiser
  • subjektive Symptome sind wichtiger
  • Grundstimmung Vertrauen
  • Medizin reguliert
  • Kranksein und Tod als Teil des Lebenszyklus
  • Heilende als BegleiterInnen
  • Mensch und Natur heilen
  • Körper, Seele, Geist sind Teile einer Einheit
"Schulmedizin" (Allopathie)
  • ich habe eine Krankheit
  • die Krankheit als Ausgangspunkt
  • Erreger machen krank
  • Krankheit als Fehlentwicklung
  • Symptom als Gefahr oder Ärgernis
  • objektive Symptome sind wichtiger
  • Grundstimmung Angst
  • Medizin bekämpft und greift ein
  • Krankheit und Tod als Feinde
  • Heilende als Experten
  • Technik und Chemie heilen
  • Körper und Psyche sind getrennte Größen

 

 

 

Eine Frage der Ethik

Besonders strapaziert wird die Toleranz für andere Ansätze natürlich in Fragen der Ethik, wenn es um Entscheidungen für konkretes gesellschaftliches Handeln geht.

Die mechanistische Naturwissenschaft ist mehr als eine Erkenntnismethode. Sie ist auch eine Sache der Mentalität, beziehungsweise prägt sie eine solche und hängt derart mit vielen anderen gesellschaftlichen Prozessen untrennbar zusammen: Die Wiederholbarkeit der Experimente (Forderung nach Reproduzierbarkeit) entspricht der Wiederholbarkeit von Waren (Fließband statt individueller handwerklicher Kunst) und ermöglicht diese und führt konsequent zum wiederholbaren Menschen (gentechnisches Klonen).

Wir müssen die Idee aufgeben, Ethik ließe sich getrennt von der Wissenschaft handhaben. In jeder Erkenntnisweise und Wissenschaft liegt vielmehr eine inhärente Ethik, ob wir es wollen oder nicht. Die der modernen mechanistischen Naturwissenschaft zugrunde liegende Ethik ist die der Macht, der Machbarkeit und der Wiederholbarkeit. Die Erfindung des geklonten, des industriell erzeugten Babys ist keine Fehlentwicklung und kein Mißbrauch, sondern eine ebenso in der Sache liegende Entwicklung wie die verheerende Waffentechnik und die Vergiftung alles Organischen. Der Versuch, einen bereits abgelaufenen Erkenntnisprozeß nachträglich durch eine gesetzte Ethik einzugrenzen, ist sinnlos und geht am Wesen menschlichen Erkennens und Handelns vorbei. Auch die ökologisch Bewegten irren, wenn sie glauben, wir bräuchten zusätzlich zur modernen Naturwissenschaft eine reifere Ethik. Eine reifere Menschheit würde keine solche Art der Erkenntnissuche betreiben. Die tatsächliche Ethik der heutigen Zeit gehört notwendig zur Naturwissenschaft.

Die alten Wissenschaften waren sich dieser Zusammenhänge viel bewußter und insofern ethisch reifer und reflektierter. Den Alchimisten war stets klar, daß die Ethik, die Frömmigkeit und die Entwicklung der Seele untrennbarer Teil ihrer Suche nach Erkenntnis war, daß ihre Seelenentwicklung wie ein roter Faden ihre Laborarbeit durchzog. Nur die geistig Gereiften erreichten die hohe Kunst des Labors und zeitigten die in jahrzehntelanger Arbeit angestrebten Ergebnisse. Die Spaltung von Erkennen und Handeln, von Wissenschaft und Moral, von Geist und Hand, von Herz und Werkzeug ist eine Eigenschaft der Moderne, die dadurch überhaupt möglich wurde. Für das menschliche Erkennen und Handeln an sich ist diese Spaltung untypisch.

Mit der Setzung einer solchen Spaltung von Erkenntnis und Werten, von handelndem Subjekt und Objekten ist eine erkenntnistheoretische und zugleich ethische Grundentscheidung getroffen, hinter die wir nicht zurück können und die die in ihr liegende Dynamik unabhängig von späteren Bewertungen und Wünschen entfaltet. Es ist also eine Grundfrage, die lange vor der wissenschaftlichen Methodik zu beantworten ist, ob ich Lebewesen als Maschinen ansehen will, die nicht eigentlich "krank" sein können, sondern nur defekt; oder ob ich sie als lebendige und beseelte Organismen sehe, deren Lebenserscheinungen immer auch als Sprache zu verstehen sind. In dem Moment, in dem ich eine "objektive" Wissenschaft definiere, die alles Seelische und Subjektive außerhalb läßt, habe ich die Frage schon beantwortet.

Bei den weltanschaulichen Grundfragen in der Medizin geht es nicht nur um unterschiedliche Heilsysteme und die Frage, ob ich lieber mittels Spritzen, Nadeln oder Kügelchen gesund werden möchte. Es geht vielmehr um sehr grundlegende Entscheidungen darüber, was ich für gesund und krank halte, an welchen Stellen des Heilungsprozesses ich welche Risiken eingehen will, wie und wann ich dem Tod entgegentrete. Die nun öffentlich gewordene Frage, ob wir wirklich künstlich hergestellte Menschen wollen – und wenn nicht, ob und wie wir es denn noch verhindern könnten, hat überdeutlich gemacht, um was es hier gehen kann und daß zu spät gestellte Fragen eigentlich schon längst beantwortet sind. Das ist im privaten Bereich nicht anders und nicht weniger dramatisch und schicksalhaft. Hierfür ein paar Beispiele:

Jeder Heilungsweg hat seine Risiken, die weniger in der Methode als im Wesen des Krankseins liegen, das uns an die Grenzen von Zerstörung und Tod bringen kann. Die Schulmedizin betrachtet den Tod und die akute, heftige Krankheit als Feinde, die mit allen Mitteln zu bekämpfen sind. Mittels verfeinerter Diagnostik, Früherkennungsmethoden, Routine-Checks und Medikamenten, die in der Lage sind, akute körperliche Vorgänge schnell und wirksam zu unterbinden, ist es möglich geworden, die Risiken von gefährlichen akuten Krankheiten, von Unfällen oder sich anbahnenden körperlichen Veränderungen wie Tumoren in außerordentlichem Maße zu senken. Dabei werden auch Symptome beseitigt, die wir in ganzheitlicher Sicht als Versuche des Körpers bewerten, selbst eine Heilung herbeizuführen. Das Unterbinden von Fieber ist das beste Beispiel. Zusätzlich werden Zustände chemisch korrigiert, deren Ursache eindeutig in einer verfehlten Lebensweise liegt: Blutdruckprobleme, Störungen des Fettstoffwechsels und der Leber, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen lassen sich oft durch gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung vermeiden oder beheben. Die Schulmedizin fördert damit eine Lebensweise, die den Organismus schwächt und schädigt, und sie verhindert obendrein die Versuche der Selbstregulation, um das Funktionieren im Alltag zu gewährleisten und Schmerzzustände zu meiden. Der Preis dafür ist eine Zunahme chronischer Erkrankungen, die zwar nicht direkt lebensbedrohlich sind, aber zu einem langsamen Siechtum führen, welches sich schulmedizinisch gewöhnlich nicht mehr heilen, sondern nur in gewissen Grenzen lindern läßt.

Impfungen sind ein weiteres Beispiel für den Umgang mit Ängsten und Risiken. Es ist üblich, unsere Kinder gegen möglichst viele akute Krankheiten impfen zu lassen, und es wird gesellschaftlich und juristisch zunehmend Druck auf diejenigen Eltern ausgeübt, die dazu eine andere Einstellung haben. Und es ist ein Milliardengeschäft damit verbunden. Unumstritten ist, daß nicht die Impfungen für das Verschwinden der großen Seuchen gesorgt haben, sondern Hygiene, Ernährung und soziale Verbesserungen. Es ist schwer zu klären, ob das Risiko, bei den geimpften Krankheiten bleibende Schäden zu erleiden, wirklich höher ist als bei der entsprechenden Impfung. Und wer medizinisch viel mit Kindern im Impfalter arbeitet, kann beobachten, daß häufig nach Impfungen chronische Krankheiten wie Neurodermitis oder Asthma auftreten. Für die neu eingeführte Hepatitis B –Impfung wurde in Frankreich sogar gerichtlich ein Zusammenhang zu darauf folgenden MS-Erkrankungen bei Jugendlichen nachgewiesen. Generell ist in geimpften Bevölkerungen der Anteil chronischer Krankheiten höher als bei ungeimpften. Das heißt: Bei Impfungen nehmen wir erhebliche chronische Erkrankungen in Kauf für einen bezweifelbaren Gewinn im Bereich der akuten Krankheiten, und die geimpften Kinder haben ein deutlich schwächeres Immunsystem. Dennoch erzeugt es enorme Ängste, umgeimpft herumzulaufen; Ängste, die offenbar auf keiner rationalen Grundlage stehen.

Niemand kann für jemand anderen die Entscheidung treffen, welcher Weg angemessener ist, derjenige heftiger, akuter aber riskanter Krisen mit tieferen Lösungsmöglichkeiten oder derjenige einer gebremsten chronischen Entwicklung. Und nicht immer sind wir bereit, das Risiko einer Krise einzugehen – jedenfalls nicht in Form von Krankheiten. Interessanterweise sind ja in unserer Gesellschaft, die eine solche Panik vor Krankheitsrisiken hat, fast alle Menschen bedenkenlos bereit, viel größere Risiken mit direkter Todesgefahr auf sich zu nehmen, um eine bequemere Fortbewegung zu haben. – All dies sind keine Sachzwänge, sondern Lebensentscheidungen, die wir täglich treffen und die unseren Alltag bestimmen.

Wir können an solchen Beispielen beobachten, daß kollektive ethische Vorentscheidungen unsere Gefühle tiefgreifend beeinflussen. Und es ist sehr schwer, eine Entscheidung für einen selbstbestimmten Weg in der eigenen Krankheit und Gesundheit zu treffen. Zumal dann wenn mit starkem Druck, juristischen Nachteilen und Ängsten zu rechnen ist. Aufklärung über die weltanschaulichen Hintergründe unserer ethischen Entscheidungen zu erlangen, kann zumindest ein erster Schritt in Richtung auf eine echte Selbstbestimmung und Mündigkeit sein.

 

Gesundheitspolitik gegen die Menschenrechte

Eine andere Frage als die der ideologischen Verständigung ist natürlich die Frage der politischen und gesellschaftlichen Macht. Diese liegt zur Zeit bei der akademisch etablierten mechanistischen Naturwissenschaft und der zu ihr gehörigen "Schulmedizin". Sie hat die Kontrolle auch über die weltanschauliche Konkurrenz. Wer sich ihren Regeln nicht anpaßt, erhält keine staatlichen Lizenzen, Zulassungen, Approbationen und somit keine Erlaubnis zur Ausübung eines Heilberufes, keine gesellschaftliche Anerkennung und kein Geld.

Allerdings heißt es in Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention:

"1. Jedermann hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit des Einzelnen zum Wechseln der Religion oder der Weltanschauung sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat, durch Gottesdienst, Unterricht, durch die Ausübung und Beachtung religiöser Gebräuche auszuüben." Und ähnlich formuliert auch das deutsche Grundgesetz im Artikel 3: "(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden."

Es wird hier also ausdrücklich von freier Religion und Weltanschauung wie auch von deren Ausübung gesprochen. Da der Umgang mit dem Körper, dem Leiden und dem Tod zur unmittelbaren Ausübung einer weltanschaulichen Überzeugung gehört, stellt die Benachteiligung ganzheitlicher Weltanschauungen und Heilverfahren durch den Staat in Forschung, Lehre, Berufszulassung und Rechtsprechung einen klaren Verstoß gegen die oben genannten Grundrechte dar. Hier muß man die Möglichkeit einer Verfassungsklage erwägen, um die durch Menschenrechte und Grundgesetz garantierten Freiheiten auch in der Praxis durchzusetzen.

Ein Beispiel solcher Benachteiligung ist darin zu sehen, daß zwar ein Therapeut als "Gefahr für die Volksgesundheit" im Sinne des deutschen Heilpraktikergesetzes gilt, wenn er über ungenügende schulmedizinische Kenntnisse verfügt; nicht jedoch ein Schulmediziner, wenn er über ungenügende Kenntnisse in ganzheitlicher Medizin verfügt. – Hieran wird deutlich, daß der Staat eine Festlegung vornimmt, welche der Weltanschauungen die "Wahrheit" repräsentiert und welche nicht. Es werden also Personen aufgrund ihres Glaubens und ihrer Überzeugungen rechtlich bevorzugt beziehungsweise benachteiligt, wie die Menschenrechtskonvention und das Grundgesetz es verbieten.

Zum Wohle der BürgerInnen obliegt es dem Staat, vor gefährlichen Behandlungsmethoden zu schützen. Allerdings ist die Frage, anhand welcher Kriterien eine Gefährdung festgestellt wird. Ein pluralistischer Staat darf nicht eine einzelne Ideologie als Maßstab für die Be- und Verurteilung einer konkurrierenden heranziehen. Schulwissenschaftliche Nachweise sind nicht "objektiv" und "wahr", sondern Ergebnisse einer weltanschaulichen Vorentscheidung, einer unter mehreren möglichen Weltdeutungen. Innerhalb der schulwissenschaftlichen Vorgehensweise haben diese Kriterien ihre Geltung, aber nicht für andere Heilmethoden.

Weitere Beispiele für solche grundgesetzwidrigen Benachteiligungen sind: die Verteilung von Forschungs- und Fördermitteln; die unterschiedliche oder unterlassene Honorierung verschiedener Heilweisen durch die gesetzlichen Krankenkassen; die staatlich geförderte einseitig schulmedizinische Ausbildung von Medizinern.

Grundsätzlich ist es den Verfassungen freiheitlich demokratischer und weltanschaulich neutraler beziehungsweise pluralistischer Staaten sowie den Menschenrechtskonventionen nicht gemäß, daß eine Regierung durch ihre Gesetzgebung weltanschauliche oder religiöse Wahrheiten als gültig oder ungültig festlegt oder die Vertreter einer weltanschaulichen Richtung oder Ideologie zu Richtern über die anderen macht. Dennoch ist dies bislang unwidersprochene Praxis in ganz Europa.

Um diesen Zustand zu verändern wird zweierlei nötig sein: Zum einen werden die VertreterInnen der etablierten Naturwissenschaften und der akademischen Schulmedizin sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß die von ihnen vertretene und für wahr gehaltene Lehre nicht die alleinige Wahrheit ist, sondern eine unter verschiedenen Ideologien oder Weltdeutungen, und daß andere in der Gesellschaft gleiches Recht für ihre Auffassungen beanspruchen möchten. Zum anderen werden die VertreterInnen der ganzheitlichen und alternativen Weltanschauungen und Heilweisen sich Bewertungskriterien für ihre Disziplinen überlegen und die Verantwortung für ihre Arbeit vor eigenen Gremien tragen müssen. Vollständige Eigenverantwortung und gleichrangige Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften setzt vieles voraus, was bislang noch nicht erarbeitet worden ist – allenfalls gibt es dazu die ersten Ansätze. Die Rolle eines demokratischen, pluralistischen Staates besteht darin, ein gleichberechtigtes und für die BürgerInnen transparentes Nebeneinander verschiedener Weltanschauungen zu ermöglichen.

Handlungsbedarf besteht dabei in folgenden Bereichen, weil hier Grundrechte nicht beachtet werden:

 

Eine andere Medizin der Zukunft

Um die ersten Schritte in die aufgezeigte Richtung zu gehen, kommt es auf ein neues Selbstbewußtsein der AlternativmedizinerInnen an. Dieses angemessene Selbstbewußtsein kann aus einem wieder auf die Füße gestellten geschichtlichen und weltanschaulichen Selbstbild folgen. Nicht die ganzheitliche Medizin ist es, die ihre "Wissenschaftlichkeit" noch zu beweisen hat, sondern sie ist die Mutter, die Großmutter und die Urgroßmutter der jungen mechanistischen Modeströmungen. Und diese, die mechanistischen Wissenschaften, werden sich ihren Platz unter den bewährten Überlieferungen der Menschheit noch suchen müssen. Wie es das Wesen der ganzheitlichen Haltung ist, sind die VertreterInnen der umfassenderen Heilweisen dafür offen, aber es ist noch ein gutes Stück Weg zu gehen, bis die einseitigen mechanistischen Disziplinen zu einem integrierbaren (und ungefährlichen!) Mosaikstein im Gesamtbild der menschlichen Wissenschaften geworden sind.

Wie aber kann die Medizin in Zukunft aussehen, wenn es eine wünschenswerte weltanschauliche Gleichstellung der verschiedenen Heilweisen gibt? Wird es verschiedene medizinische Sekten geben, unter denen ratlose Laien wählen müssen? Vielleicht wird eine Zeitlang Durcheinander entstehen. Letztlich aber wird sich ein neues Gleichgewicht einpendeln, in welchem verschiedene Formen der Medizin unterschiedliche Rollen in der Versorgung der Bevölkerung übernehmen. Alle können dann von dem in der Menschheitsgeschichte entstandenen Reichtum und der Vielfalt medizinischer Kulturen profiterien, und jede Heilweise kann auf die Weise eingesetzt werden, in der sie ihr Potential am besten entfaltet, und durch andere ergänzt werden, wo diese ihre größeren Stärken haben.

Die verschiedenen medizinischen Schulen werden jeweils eigene Ausbildungen, Überprüfungen und Qualitätskriterien entwickeln, so daß für alle überschaubar wird, auf was sie sich einlassen wollen. Wie es der Sache entspricht, werden verschiedene Richtungen ganzheitlicher Heilweisen die gesundheitliche Hauptversorgung leisten, während die Schulmedizin ihre Stärke in spezialisierter Diagnostik, Intensivmedizin und Chirurgie zeigt.

Was für ein Modell der medizinischen Versorgung können wir uns auf der Grundlage des bisher Gesagten als sinnvoll und wünschenswert vorstellen? – Das Modell sollte als Sockel eine gute Basismedizin aus "Hausmitteln" und leicht handhabbaren lindernden Verfahren haben, die von den Betroffenen selbst angewendet werden können. Oft ist das Beste, nichts zu tun und den Organismus sich selbst heilen zu lassen. Aber das fällt unserer heutigen Mentalität am schwersten. Mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, scheint uns heute geradezu als das Natürlichste. Wir gehen an leichte Befindensstörungen sofort mit dem gesamten Arsenal der Intensivmedizin heran, als gälte es ein Menschenleben vor dem Fußpilz oder vor dem Kopfschmerz zu erretten.

Dort, wo die Selbstheilungskräfte des Organismus nicht ausreichen oder nicht mehr angeregt werden können, wo organische Regelsysteme zugrunde gegangen oder gar nicht angelegt sind, da ist es nötig, mit technischen oder chemischen Hilfen den Organismus am Leben zu erhalten, sofern man das will. In diesem Bereich war noch nie eine Medizin so erfolgreich wie die moderne Schulmedizin. Darüber hinaus bietet sie natürlich unglaubliche diagnostische Möglichkeiten, die unser Verständnis der biochemischen Vorgänge im Körper sehr erweitert haben. Aus Kostengründen und wegen der damit oft verbundenen Belastung des Körpers ist allerdings bei jeder einzelnen diagnostischen Maßnahme zu erwägen, ob sie tatsächlich zu einer besseren Therapie beiträgt. Oft gewinnen wir zwar faszinierende Erkenntnisse über den Körper des erkrankten Menschen, können ihm damit aber keinen Schritt weiterhelfen.

Die ganzheitlichen Heilverfahren sollten ihre Rolle in der Auseinandersetzung mit tiefergehenden Problemen und schwereren Erkrankungen einnehmen. Homöopathie ist die differenzierteste Form der Medizin – schulmedizinisch oder alternativ –, die uns heute zur Verfügung steht, neben der traditionellen chinesischen Medizin (sofern diese nicht auf Akupunktur reduziert wird). Dieser Differenziertheit und Komplexität sollte auch Rechnung getragen werden, indem sie in unserem Gesundheitssystem den entsprechenden Platz erhält.

Im Abwägen der Stärken und Schwächen unterschiedlicher medizinischer Disziplinen und ihrer Anwendungsbereiche kann es nicht darum gehen, sie nebeneinander und gleichzeitig anzuwenden. Vielmehr geht es um eine gegenseitige Ergänzung in verschiedenen Problembereichen. Eine sinnvolle Ordnung innerhalb des medizinischen Vorgehens wäre:

Insgesamt würde ein derartig abgestuftes medizinisches Vorgehen viel kostengünstiger sein. Besonders die ersten beiden Stufen der Befindensstörungen und leichten Erkrankungen bedürften keiner Hilfe von SpezialistInnen. Hier wäre eine verbesserte medizinische Ausbildung der Bevölkerung über sinnvolle Vorbeugung und Heilung einfacher Erkrankungen, sowie eine Erziehung zu Natürlichkeit und Gelassenheit im Umgang mit dem eigenen Körper, eine Verbindung von mehr Kenntnissen und mehr Vertrauen, eine kluge Alternative zur hochtechnisierten, teuren Diagnostik und Therapie von Wehwehchen des Alltags. Eine solche Gesundheitserziehung könnte schon in der Schule anfangen, wo die Jugendlichen auch heute noch mehr über die Antike, über Gleichungen oder Galaxien lernen als über Grundfunktionen ihres eigenen Körpers.

Zur Zeit scheint unter den Entscheidungsträgern niemand ein wirkliches Interesse zu haben, im Gesundheitsbereich zu sparen und damit die Profite der Pharmaindustrie, Versicherungen, medizintechnischen Industrie und Ärzteschaft zu schmälern. Alle wissen, wie recht einfach gespart werden könnte: Alle bisherigen Untersuchungen belegen, daß alternative Behandlungen viel billiger sind als schulmedizinische, daß Psychotherapien gegenüber chemischer Behandlung langfristig erhebliche Einsparungen bringen, daß Hausgeburten risikoärmer und billiger sind als solche in Kliniken, und so weiter. Hier fehlt wider besseres Wissen der politische Wille zu einer echten Veränderung, weil am derzeitigen Notstand zu viele verdienen. Vermutlich wird sich an dieser Lage erst nach einem völligen Bankrott des Gesundheitssystems etwas ändern lassen.

Um so wichtiger ist es zu wissen, daß es Alternativen gibt, die nicht nur kosmetische Veränderungen des Bestehenden versprechen, sondern grundlegend andere Ansätze bieten. Es geht bei der Alternativen Medizin nicht um einen zusätzlichen Luxus, sie gehört nicht zum Wellness-Bereich, den wir uns nur leisten können, wenn Überfluß herrscht. Alternative Medizin ist eine sinnvolle, kostengünstige, risikoarme und nachhaltige Form der medizinischen Grundversorgung.

Die Homöopathie ist eine Heilweise, die sich zwischen den Welten der modernen Wissenschaft und der überlieferten ganzheitlichen Wege bewegt und von beiden Seiten Gutes beitragen kann. Sie entwickelte eine Genauigkeit der Beobachtung, Dokumentation und Mittelkenntnis, sowie einen internationalen Erfahrungsaustausch, wie das nur von den Naturwissenschaften her bekannt ist. Und sie baut auf die Tiefe der Intuition der Behandelnden, auf die unmittelbare Begegnung mit dem inneren Wesen der Heilmittel, mit ihrem Geist, und ein Verständnis der Lebensganzheit wie dies nur die schamanischen Traditionen pflegen. Nur wer beide Seiten sieht, kann die Homöopathie wirklich verstehen und in der Fülle ihrer Möglichkeiten ausüben.

Die Auseinandersetzung mit einer ganz anderen Art von Medizin, Wissenschaft, Denkweise und Lebenshaltung, die wir nicht auf einer fernen exotischen Insel vorfinden sondern mitten im abendländischen Denken und Alltag, könnte der westlichen Kulturkrise einen entscheidenden Anstoß geben. Lange schon wissen wir, daß die westliche Wissenschaft in einer gedanklichen Sackgasse steckt und mit den anstehenden Fragen und Krisen nicht mehr fertig werden kann. Diese Unfähigkeit erstreckt sich von der Grundlagenforschung bis weit in die Ethik und Politik hinein – eine Kultur stößt an ihre Grenzen. Diese Grenzen sind nicht nur faktische, sondern auch geistige – und die Unfähigkeit, diesen Zusammenhang als einen notwenigen zu erkennen, gehört zum Kern des Problems. Da die ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen Probleme, denen unsere Welt sich heute gegenübersieht, nichts anderes sind als der äußere Niederschlag unserer geistigen Haltung, ist eine Lösung im Rahmen des bisherigen Systems nicht einmal denkbar. Der Anstoß muß – wie das Zitat von Einstein am Beginn des Kapitels sagt – von außen kommen, aus einer ganz anderen Zugangsweise zur Welt. Damit dies möglich ist, muß überhaupt erst die grundlegende Andersartigkeit in den Blick genommen und ausgehalten werden. Ob die klassische Hermetik als Denkanstoß dies leisten könnte, wissen wir nicht. Aber es wäre einen Versuch wert, sich mit diesen ganz anderen Denkstrukturen und wissenschaftlichen wie medizinischen Zugängen zu beschäftigen und uns auf die Suche nach einem neuen, gesünderen und überlebensfähigen Verständnis des Universums zu machen.