| Ich kann meine Augen verlieren, und dennoch weiterleben. Ich kann meine Hände verlieren, und dennoch weiterleben. Ich kann meine Beine verlieren, und dennoch weiterleben. Ich kann meine Ohren, Nase, Haare verlieren, und dennoch weiterleben. Aber wenn ich die Erde verliere, sterbe ich. Wenn ich das Wasser verliere, sterbe ich. Wenn ich die Luft verliere, sterbe ich. Wenn ich die Sonne verliere, sterbe ich. Wenn ich die Pflanzen, Tiere, Sterne verliere, sterbe ich. Was ist mein wahrer Körper?
© Fred Hageneder, England |
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Auszug aus Teil III des Buches
"Die andere Wirklichkeit der Homöopathie"
von Jörg Wichmann
Medizinmänner und frauen von heute
Viel älter als die bis in die Anfänge der menschlichen Geschichtsschreibung zurückreichende Alchimie ist der Schamanismus. Viele sehen im Schamanismus den Ursprung aller Religion und allen Heilens, den Schamanen als den Archetypus und Vorläufer des Priesters, des Magiers, des Arztes und des Heiligen. Oder besser sollten wir von der Schamanin reden, zumal wenn es um so weit zurück liegende Zeiten geht. Die sogenannten Hexen waren als die Heilerinnen und Priesterinnen der ländlichen Bevölkerung bis in die Neuzeit hinein die Schamaninnen Europas. Paracelsus, der große Heiler im Aufgange der Neuzeit und Vater der empirischen Medizin, sagte, er habe sein ganzes Wissen von den Weisen Frauen. Insofern gibt es über Paracelsus und Hahnemann eine erkennbare geistige Linie in die frühe Geschichte des Heilens zurück.
Es soll hier jedoch nicht in einem spekulativ historischen Sinne die Verbindung zwischen Homöopathie und Schamanismus hergestellt werden. Vielmehr geht es darum, die Rolle der Heilenden in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen zu betrachten. In vielen Völkern gab es lange ein Nebeneinander von Schamanen und Priesterschaft. Dabei vertrat die Priesterschaft eher einen formalen, statischen Aspekt der Religion, während die SchamanInnen aus ganz persönlichen Erlebnissen Zugang zum spirituellen Bereich geben konnten. Vielfach entstanden dadurch Konflikte oder zumindest eine gewisse Polarität. SchamanInnen, die heilen und zaubern konnten und Zugang zu unberechenbaren Mächten hatten, wurden zwar aufgesucht, blieben aber unheimlich, nicht kalkulierbar.
In der europäischen Geschichte der letzten Jahrhunderte hat es ein überwältigendes Monopol der Priesterschaft gegeben, nicht nur in kirchlich-religiöser Hinsicht. Durch die Hexenverbrennungen der Neuzeit und Renaissance verschwand die Konkurrenz zur Ärzteschaft, die sich in dieser Zeit erst etablierte. Gleichzeitig entstanden die modernen Wissenschaften, und in der Philosophie räumte die Aufklärung mit der tradierten Metaphysik auf. Die von Staaten und Kirchen organisierten Massenvernichtungen an Hexen, Hebammen, HeilerInnen und vielen sonstwie beargwöhnten Personen werden oft ins finstere Mittelalter verlegt. Die Massenmorde fanden jedoch in der Zeit der Reformation, der Renaissance, der Aufklärung und sich entwickelnden Naturwissenschaften statt. Danach war für lange Zeit alles "Schamanische" aus der europäischen Kultur verschwunden, die Entzauberung der Welt war gelungen. Kleine Gegenbewegungen wie die Romantik, der Spiritismus, der Wandervogel und ähnliche blieben randständig, reichten aber aus, um gewisse weltanschauliche Grundideen zu erhalten und auch Reste einer anderen Medizin zu bewahren.
Die Schulmedizin hat heute die gesellschaftliche Rolle der etablierten Priesterschaften inne, während die unterschiedlichen Formen der ganzheitlichen Medizin die Rolle der SchamanInnen spielen, gleichzeitig benötigt und beargwöhnt. In den bekannten Rollenklischees der Halbgötter in Weiß und der Quacksalber und Wundertäter zeigt sich dieses Verhältnis deutlich. Insofern scheint es berechtigt, von den "Medizinmännern und frauen von heute" zu sprechen und darin eine gesellschaftliche Rolle und Form des Heilens zu bezeichnen, die es seit Menschengedenken gibt. In einer Zeit, in der die Religion öffentlich eine immer geringere Rolle spielt, die individuelle Gesundheit aber zu einer quasi-religiösen Bedeutung und zur Spitze der Werteskala der meisten Menschen aufgestiegen ist, in einer solchen Zeit gewinnt der hier angedeutete Rollenkonflikt zwischen dem medizinischen Establishment als Priesterschaft und den alternativen Heilern als "Hexen" eine gesellschaftsprägende Rolle. Diese Rollenaufteilung wirft die Frage auf, ob es überhaupt gelingen kann, die Homöopathie und andere alternative Therapien besser zu etablieren, oder ob nicht gerade ihr Außenseitertum zum Wesen ihrer Rolle und Kraft gehört.
Der Begriff des "Schamanismus" erfuhr im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte eine wesentliche Erweiterung seiner Bedeutung, zunächst von den sibirischen Völkern auf die Medizinleute und HeilerInnen aller naturnahen Völker, und später auch auf die modernen städtischen Bemühungen um eine erweiterte, ins Psychische und Geistige reichende Heilweise. Damit löste er sich aus dem Zusammenhang mit Stammeskulturen und von der Heilweise unter Einbeziehung der ganzen Gemeinschaft, wie dies unter modernen städtischen Umständen nicht mehr möglich ist. Nur in diesem moderneren Sinne des Wortes können wir im Zusammenhang mit der Homöopathie von "Schamanismus" sprechen. Wir meinen damit eine Form des Heilens, die mittels eines direkten und bewußten Kontaktes zu einer geistigen Sphäre wirkt und die körperlich-seelische Ganzheit der PatientInnen wiederherzustellen versucht. Ferner gelten in diesem sehr erweiterten Sinne als "SchamanInnen" diejenigen Heilenden, die einen engen Bezug zur Natur und ihren Wesen haben und die auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen zu heilen und zu wirken verstehen "aus dem Bauch heraus" wie man sagt.
Eine Schwierigkeit des modernen städtischen Schamanismus besteht darin, daß es im abendländischen Kulturkreis keine Tradition mehr gibt, innerhalb derer sich die persönlichen Eigenschaften erwerben und die Fertigkeiten erlernen ließen, die SchamanInnen ausmachen. Die meisten, die sich heute so nennen, sind entweder Autodidakten oder haben bei anderen Kulturkreisen (meist den nordamerikanischen Indianern) gelernt. Meist wirkt ihre Tätigkeit auf europäische DurchschnittsbürgerInnen (sofern sie überhaupt davon hören) so fremd und exotisch, daß die modernen SchamanInnen letztlich nur innerhalb einer sehr kleinen Menschengruppe tätig sein können. Ein typischer Zug dessen, was wir heute als "neuen Schamanismus" bezeichnen, ist der Einsatz der Trommel, mit Hilfe derer ein mehr oder weniger tiefer Trancezustand erreicht werden kann, um mit den Hilfswesen der Geisteswelt in Kontakt zu kommen. Oftmals wird den Hilfesuchenden beigebracht, selbst ihr "Krafttier" oder ihren "Schutzgeist" (das schamanische Pendant zum Schutzengel) zu finden und mit ihnen eine Kommunikation aufzubauen. Beim modernen schamanischen Heilen spielt auch der direkte Umgang mit der Lebensenergie und der Aura eine Rolle. Und die Begegnung mit Bäumen oder anderen Naturwesen wird als Quelle energetischer Heilung aufgesucht.
Gegenüber der Schulmedizin wirkt am schamanischen Heilen vieles kreativ und unvorhersagbar. Das persönliche Element ist im Heilungsprozeß wichtiger und das Vorgehen weniger an einer Systematik als an den momentanen Erfordernissen orientiert. Das setzt bei den SchamanInnen selbst besondere Eigenschaften voraus: Sie müssen lernen, die Vorstellung einer eindeutigen Wirklichkeit aufzugeben und sich zwischen verschiedenen Daseinsebenen zu bewegen. Was das für Menschen anderer Kulturen bedeutet, ist uns natürlich schwer nachvollziehbar. Wir finden aber immer wieder Berichte von Angehörigen unserer Kultur, die aufgrund besonderer Umstände in eine schamanische Tradition eingeweiht worden sind. Sehr plastisch wird dies in den ersten Büchern von Carlos Castaneda berichtet. Castaneda muß lernen, seine verengte Wahrnehmung und seine erlernte Wirklichkeit zu überschreiten und die Fäden der Wirklichkeit neu zu spinnen. Er lernt den Zusammenhang allen Seins zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Gemeinschaft und umgebender Natur, zwischen Mensch und Kosmos, zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Seite der Welt (Bewußtsein und Unbewußtes würden wir etwas verkürzt sagen), zwischen Lebenden und Toten, zwischen Menschen, Tieren und Geistern, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das macht aus ihm einen anderen Menschen mit besonderen Möglichkeiten.
In der homöopathischen Ausbildung ist dieser schamanische Prozeß nicht so drastisch und tiefgreifend. Dennoch erleben viele, die in einer mechanistischen Richtung ausgebildet worden sind, daß sie erst dann einen richtigen Zugang zur Homöopathie bekommen und sinnvoll damit arbeiten können, wenn sie sehr grundlegende, neue Annahmen über die Wirklichkeit zulassen. Eine homöopathische Ausbildung ist mehr als das Erlernen von Sachverhalten.
Ein erstaunlich großer Teil heutiger HomöopathInnen erzählt, daß eine eigene schwere Erkrankung oder die naher Verwandter oder eine andere Art persönlicher Krise den Ausschlag gegeben haben, sich diesem Weg der Heilung zuzuwenden. Wenn wir den sehr verschiedenen kulturellen Kontext in Rechnung stellen, können wir sagen, daß die heutigen homöopathischen "Medizinfrauen und männer" ebenso wie die Schamanen durch persönliche Initiationserlebnisse ihre Berufung finden. Durch Erlebnisse, die sich durchaus so anfühlen können, als würde man in Stücke gerissen und neu zusammengesetzt, als sei man in eine Art Unterwelt eingetaucht und mit einer neuen Reife aus ihr zurückgekehrt.
Geister und Arzneimittel
Es waren aber nicht diese allgemeinen Zusammenhänge die mich darauf brachten, nach Parallelen dem Schamanismus zu suchen, sondern die Art des Umgangs mit den homöopathischen Arzneimitteln.
Eine wesentliche Grundidee der Homöopathie ist es, sowohl die Krankheit als auch das Heilmittel zu individualisieren, also immer vom einzelnen Menschen auszugehen. Im Praxisalltag setzen aber die meisten homöopathisch arbeitenden KollegInnen nicht hunderte oder tausende Mittel ein, sondern arbeiten überwiegend mit einer gewissen Gruppe von häufigen Mitteln, den Polychresten.
Unter den sogenannten "Polychresten", das heißt so viel wie Viel-Heiler, versteht man Arzneimittel, die für jeweils sehr unterschiedliche Zustände und häufig eingesetzt werden. Dazu gehören Mittel wie Sulfur, Nux vomica, Sepia, Phosphor, Lycopodium, Calcarea carbonica. Von jedem dieser Mittel finden wir in der Materia medica mehrere tausende Symptome. Man kann aus Erfahrung sagen, daß etwa zwei Drittel der Behandlungen einer Normalpraxis mit etwa sechzig bis achtzig dieser Polychreste bestritten werden. Für die übrigen Fälle werden andere, seltenere Mittel gesucht.
Es fällt auf der Basis der üblichen homöopathischen Theorie schwer, dieses Phänomen zu erklären. Zunächst liegt die einfache Erklärung auf der Hand, daß diese Verordnungspraxis auf der Faulheit der Behandelnden beruht, die sich nicht die Mühe machen, über den Tellerrand ihrer wohlbekannten Mittel hinauszuschauen und die Behandlungen wirklich zu individualisieren, wie die homöopathische Theorie das fordert. In manchen Fällen mag diese Erklärung ausreichen. In den letzten zehn Jahren gab es aber intensive Bemühungen (die insbesondere von dem italienischen Homöopathen Mangialavori ausgegangen sind), die Forderung des Individualisierens ernst zu nehmen, die eingeschränkte Verordnungspraxis zu erweitern und die vielen hundert potentiellen "kleineren" Mittel einzubeziehen. Und von vielen Homöopathie-Gruppen in aller Welt wurden neue Arzneimittel intensiv geprüft, die dann für die betreffenden Gruppen zu ihren neuen "Polychresten" wurden. Bei allem Bemühen um eine wirksame Erweiterung des Arzneischatzes scheint dennoch eine gewisse Regel bestehen zu bleiben, daß sich in der Alltags-Praxis eine Gruppe von ein paar Dutzend Mitteln herausschält, die am häufigsten eingesetzt werden. Diese Mittel können bei verschiedenen HomöopathInnen durchaus sehr verschiedene sein, was der Vorstellung widerspricht, daß bestimmte Polychreste an sich über Eigenschaften verfügen, die sie zur Heilung eines großen Teiles der kranken Menschen objektiv geeigneter machen als andere, sogenannte "kleine" Mittel.
Bekannt ist darüber hinaus das Phänomen, daß ein Patient, der fünf HomöopathInnen aufsucht, dabei wahrscheinlich fünf verschiedene Mittel verordnet bekommt, obwohl alle fünf Homöopathen eine ähnliche Ausbildung haben und während der Konsultation in den gleichen Symptomenverzeichnissen und Büchern nachlesen. Und dies, ohne daß vier dieser Verordnungen als Fehlverordnungen gelten müßten. In einem Kontext, der auf Wissenschaftlichkeit, Kausalität und Reproduzierbarkeit setzt, sind diese Beispiele verdächtig und weisen auf eine "unseriöse" Methode oder auf den ohnehin vermuteten Placebo-Effekt hin. Wie könnte es sonst sein, daß derselbe Patient für dieselben Magenschmerzen von verschiedenen Behandlern verschiedene Arzneien bekommt, die obendrein auch alle wirksam sein sollen?
Einmal abgesehen davon, daß Sie bei allen etwas komplizierteren Fällen auch von fünf Schulmedizinern fünf verschiedene Diagnosen hören würden, ohne daß deswegen jemand die ganze Wissenschaft in Frage stellt, liegt die Sache im Falle der Homöopathie vermutlich noch anders und erscheint in klarerem Licht, wenn wir den Vergleich mit dem Schamanismus aufgreifen: Eine Schamanin, ein Schamane lernen bei ihrer Initiation und in der darauf folgenden Lehrzeit eine Reihe von Geistwesen kennen, die ihnen mehr oder weniger nahe stehen und vertraut sind. Diese Geistwesen sind die wesentlichen Helferkräfte beim Heilen und Durchführen magischer Rituale. So hat ein Schamane häufig einen persönlichen Schutzgeist und mehr oder weniger und danach bemißt sich die Kraft dieses Schamanen viele Hilfsgeister, die ihm bekannt und hilfreich sind.
"Zwischen dem Schamanen und seinen >Geistern< stellt sich ein >Vertrautheits<-Verhältnis ein. Man nennt sie übrigens in der ethnologischen Literatur spiritus familiaris, Hilfsgeister oder Schutzgeister. Doch ist gut zu unterscheiden zwischen eigentlichen spiritus familiaris und einer anderen, stärkeren Kategorie von Geistern, die man Schutzherren nennt, und diese wieder sind von göttlichen und halbgöttlichen Wesen zu trennen, welche die Schamanen bei ihren Sitzungen anrufen. Ein Schamane ist ein Mensch, der konkrete unmittelbare Beziehungen zu der Welt der Götter und Geister hat."
"Wie wir gesehen haben, muss sich ein Eskimo-Schamane nach seiner Erleuchtung ganz allein seine Hilfsgeister besorgen. Im allgemeinen sind es Tiere in Menschengestalt; sie kommen aus freiem Willen, wenn der Lehrling sich würdig zeigt. Fuchs, Eule, Bär, Hund, Haifisch und alle Arten von Berggeistern sind mächtige und wirksame Helfer. Bei den Alaska-Eskimos ist der Schamane um so stärker, je mehr Hilfsgeister er hat. (...) Daraus können wir schließen, daß die Schutzgeister und mythischen Hilfstiere nicht ein charakteristisches und ausschließliches Merkmal des Schamanismus sind. Diese schirmenden und helfenden Geister lassen sich fast überall im ganzen Kosmos gewinnen und sind einem jedem Individuum erreichbar, wenn es sich nur gewissen Proben unterziehen will."
Zwar werden HomöopathInnen nicht "initiiert", aber dennoch sind die ersten Lern- und Assistenzzeiten und Lehrpersonen für lange Zeit prägend. In dieser Zeit der homöopathischen Lehre, beziehungsweise Ausbildung entstehen innere Bilder von bestimmten Arzneimitteln, Krankheitszuständen und Behandlungsstrategien. Diese werden später verfeinert und korrigiert, und es ergibt sich eine Gruppe von homöopathischen "Geistern" (Arzneimitteln), zu denen ein Behandler eine Affinität entwickelt und mit denen er oder sie am wirksamsten arbeiten kann. Oft gehören zu diesen Mitteln die selbst "geprüften" und selbst erlebten, wie Hahnemann in seinen Überlegungen zum homöopathischen Selbstversuch (s. Kasten) hervorhebt. Ferner gibt es dann eine größere Menge von homöopathischen "Hilfsgeistern", die sogenannten "kleinen Mittel", die seltener und in speziellen Fällen zum Einsatz kommen.
Phatak sagt in seiner bekannten homöopathischen Materia medica: "Arzneimittel sollten unsere Freunde werden. Man kann einen Freund daran erkennen, wie er an der Tür klingelt, klopft oder die Tür öffnet, wie er auf der Treppe geht, und so weiter. Auf ähnliche Weise sollten wir unsere Mittel erkennen können, auch wenn wir nur einen Teil von ihnen sehen." Richtig gut wird ein homöopathischer Behandler dann, wenn diese Ebene des Verstehens, dieses direkte Gespür für ein Heilmittel erreicht wird, wenn man über das Denken in Schubladen, Rubriken (der Symptomenverzeichnisse) und Schlüsselsymptomen hinaus kommt. Nur wenigen TherapeutInnen gelingt es bei vielen Mitteln und das Spektrum der therapeutischen Möglichkeiten hängt wie bei den Schamanen vom Umfang dieser Art der Mittelkenntnis ab sie schon am "Schritt auf der Treppe" zu erkennen.
Diesem Verständnis der homöopathischen Arzneien als geistiger Wesenheiten, die im Umfeld eines Therapeuten wirken können, der sie kennt und mit ihnen "befreundet" ist, entspricht auch die oft gemachte Erfahrung, daß ein homöopathischer Heilungsprozeß schon ab dem Augenblick beginnt, in welchem dem Behandler die passende Mittelidee gekommen ist, in welchem "der Fall verstanden" wurde, das heißt die persönliche Leidensgeschichte dieses Menschen wieder Anschluß an einen größeren Verstehens- und Lebenszusammenhang gefunden hat.
Zusammenfassend kann man sagen, daß sowohl SchamanInnen als auch HomöopathInnen am besten mit den Geistern/Arzneimitteln arbeiten, die sie persönlich gut kennen, die sie in ihrer persönlichen Ausbildung haben wirken sehen, die sie an sich selbst erfahren haben, und deren Wesenheit sie oft schon an Kleinigkeiten erkennen können, an Stimmungen oder an Symptomen, die niemand sonst bemerken würde.
"Was fehlt uns denn?" Heilung durch Anteilnahme
Diese als typisch geltende ärztliche Frage ist, wenn man sie in den richtigen Zusammenhang bringt, nicht so lächerlich, wie sie zunächst klingt: Zum einen weist ein Leiden oder eine Störung immer auf etwas hin, was am Ganzen, am Heilsein noch fehlt. Daß mir als Krankem etwas fehlt, trifft die Sache in der Tiefe viel besser als die Vorstellung, daß ich etwas habe, etwa einen Erreger oder eine "Krankheit".
Zum anderen fehlt immer uns allen etwas, wenn einem Mitglied der Lebensgemeinschaft auf diesem Planeten etwas fehlt. Der moderne Individualismus, der mir vorgaukelt, ich könne gesund sein, wenn du krank bist, ist eine große Illusion. Heilungszeremonien aller Völker beziehen mindestens die Großfamilie, oft den ganzen Stamm mit ein. In der Tat: es fehlt immer uns etwas.
Diesen Zusammenhang sieht die Homöopathie ebenso wie alle traditionellen Völker. Die homöopathische Heilkunst beruht wie ihr Name sagt geradezu darauf, daß PatientIn und BehandlerIn in einen Gleichklang kommen, daß sie ihren je unterschiedlichen Anteil an einem ähnlichen Leiden haben.
Es sieht nur oberflächlich wie ein Widerspruch aus, wenn gerade die Homöopathie auf der einen Seite mehr individualisieren will als jede andere Medizin, wenn sie jedes Leiden als etwas zum Lebensweg dieses ganz besonderen Einzelmenschen Gehöriges betrachtet, und wenn sie andererseits mit ihrer therapeutischen Haltung gerade das Gemeinschaftliche betont. Sie kehrt damit die in der Schulmedizin gängige Polarität an beiden Enden um und greift auf eine Weisheit zurück, die die Menschheit in dieser Hinsicht schon immer getragen hat. Wo sich bei genauem Hinsehen leicht das Besondere und Individuelle beobachten ließe, verallgemeinert die Schulmedizin die Form des Leidens zur "Krankheit". Auf der anderen Seite vereinzelt sie die kranken Menschen und sortiert sie als reparaturbedürftig aus der Gemeinschaft der Funktionierenden aus. Die ganzheitliche Medizin hingegen läßt den kranken Menschen in der Gemeinschaft, ja gibt ihm sogar besondere Aufmerksamkeit als Träger von Symptomen, die uns alle angehen. Und sie beobachtet sehr genau und möglichst ohne grobe Schemata die individuellen Eigenheiten dieses Krankseins.
Über diese Grundhaltung hinaus wird in der modernen Homöopathie die enge Verbindung von Menschen auch diagnostisch genutzt. Das aus der Psychoanalyse bekannte und in den modernen psychologischen Therapien angewendete Prinzip von Übertragung und Gegenübertragung hat auch Einzug in die Homöopathie gehalten und sich hier bewährt. Unter Übertragung wird verstanden, daß die Patienten innere Bilder und Gefühle auf ihren Therapeuten projizieren (übertragen) und an seiner Person erleben. In der Gegenübertragung erlebt der Therapeut an sich selbst unbewußt gebliebene Inhalte des Patienten. Je nach Sensibilität der Behandelnden bestehen diese in Stimmungen, Gefühlen oder konkreten Körpersymptomen des Patienten. Übertragungen und Gegenübertragungen treten grundsätzlich in allen therapeutischen Prozessen auf, werden aber nicht immer bewußt wahrgenommen und bleiben in vielen Therapieansätzen unberücksichtigt. Es gehört zu jeder guten therapeutischen Ausbildung, sich solche Vorgänge bewußt machen und die übernommenen psychischen Inhalte, Gefühle oder Bilder, von den eigenen trennen zu können. Einerseits ist es für die Behandelnden wichtig, zu den übernommenen Inhalten Distanz zu gewinnen, sich also nicht damit zu identifizieren; andererseits ergeben sich aus dem Erleben solcher Gegenübertragungen äußerst wertvolle diagnostische Hinweise, die oftmals auf anderem Wege gar nicht zu erlangen sind. Der Name der Homöo-pathie, des therapeutischen Mit- und Ähnlich-Leidens, erhält dadurch noch eine besondere Prägung. Die Reise der Schamanen hinein in die Geisteswelt der Erkrankten ist dem Vorgehen der HomöopathInnen sehr ähnlich mit der Einschränkung, daß diese gewöhnlich keine Trancezustände dabei erreichen.
Auch die schon mehrfach angeführte Praxis der homöopathischen Arzneimittelprüfungen an den Behandelnden selbst, deren Wert Hahnemann immer wieder betonte, läßt sich in diesem Zusammenhang verstehen: Die Behandelnden erleben das Individuelle und Besondere eines Heilmittels am eigenen Leibe und treten in eine Erlebens-Gemeinschaft mit den PatientInnen, indem sie zu Mit-Leidenden werden (gemäß dem Namen der Homöo-pathie).
Schamanische Aspekte der Homöopathie
Sehen wir uns ein paar weitere Parallelen zwischen Homöopathie und Schamanismus an.
Zunächst besteht eine grundlegende Übereinstimmung im Krankheitsverständnis: "Wenn der Schamane zu einem Kranken gerufen wird, bemüht er sich zuerst die Ursache der Krankheit zu entdecken. Man unterscheidet zwei Haupttypen von Krankheiten: Solche, die vom Eindringen eines pathogenen Gegenstandes, und solche, die vom "Verlust der Seele" herrühren. In ihrer Behandlung unterscheiden sich die beiden wesentlich. Im ersten Fall handelt es sich darum, das Agens, welches das Übel bewirkt, auszutreiben. Im zweiten, die flüchtige Seele des Kranken zu finden und wieder in ihn einzufügen. Im letzteren Fall kommt nur der Schamane in Betracht, denn nur er kann die Seelen sehen und fangen. In Gemeinschaften, wo es außer dem Schamanen noch medicine-men und Heilkundige gibt, können diese wohl gewisse Krankheiten behandeln, aber der >Verlust der Seele< bleibt immer den Schamanen reserviert."
Eine gleichartige Unterscheidung von Krankheitsursachen findet sich auch in der Homöopathie: die von außen durch eine klare "causa" herbeigeführten Leiden und die sogenannten "Verstimmungen der Lebenskraft". Natürlich hat die Homöopathie ein anderes Bild vom "Eindringen eines pathogenen (=krankmachenden) Gegenstandes" als der Schamanismus. Als akute Krankheiten gelten ihr solche, die durch einen Auslöser, "causa", bedingt sind und von allein ausheilen können, falls sie nicht zum Tode führen. Eine chronische Krankheit hingegen heilt nicht von selbst aus und hat einen stärkeren Bezug zur Biografie des Kranken. Diese chronische Verstimmung der Lebenskraft entspricht dem "Seelenverlust" im Schamanismus. Auch in der homöopathischen Behandlung wird mit den akut ausgelösten Krankheitszuständen anders umgegangen wie mit dem "Seelenverlust". Akutzustände werde je nachdem wie bedrohlich sie sind dem Selbstheilungvermögen des Körpers überlassen, chirurgisch versorgt, mit Hausmitteln gelindert oder durch ein homöopathisches Akutmittel behoben. Allein der chronischen Verstimmung der Lebenskraft widmet sich die ganze individualisierende homöopathische Heilkunst.
Des weiteren läßt sich im Vergleich zwischen Schamanismus und Homöopathie das Einhalten bestimmter Tabus bei der schamanischen Heilung (Speise- und Berührungstabus) mit dem strikten Meiden bestimmter "Antidote" (Kaffee, Minze, ätherische Öle) in der homöopathischen Behandlung in Beziehung setzen. Die Benennung dieser bestimmten Antidote, die die Wirkung homöopathischer Mittel stören sollen, ist in vieler Hinsicht unlogisch und inkonsequent, erinnert aber stark an die Hervorhebung eines Heilungsprozesses durch Belegung mit Tabus. Konsequenterweise finden wir auch bei denjenigen HomöopathInnen eine weniger strikte Einhaltung der Antidot-"Tabus", die sich weniger am "Ritual" der homöopathischen Verschreibung orientieren, sondern eher einen psychologischen oder spirituellen Ansatz verfolgen, das heißt mehr Wert auf die Bewußtmachung des jeweiligen Prozesses legen.
Über diese Ähnlichkeiten hinaus, die eher in den Konzepten liegen, gibt es eine Reihe Parallelen in der praktischen Ausübung. Wenn wir die Wirkung eines Medikamentes betrachten, dann gehen wir üblicherweise davon aus, daß dieses von einem Menschen eingenommen werden muß und dann in seinem Körper zu wirken beginnt. Eine solche Vorstellung beschreibt aber das Wesen eines homöopathischen Arzneimittels nur unzureichend. Schon in der Herstellungsweise und in der Art der Verordnung ist das homöopathische Arzneimittel mit einem chemisch wirkenden Medikament nicht zu vergleichen. Erfahrungen in homöopathischen Arzneimittelprüfungen und in der Praxis zeigen, daß die Begegnung mit dem Wesen einer Arznei keineswegs auf den Vorgang der stofflichen Einnahme (und schon diese ist ja keine stoffliche mehr) beschränkt ist. Hahnemann hat PatientInnen an der Arznei nur riechen lassen, um Kontakt dazu herzustellen und eine Wirkung zu erzielen. Viele homöopathische Arzneimittelprüfungen werden heute als sogenannte "Kopfkissenprüfungen" durchgeführt, indem die Prüfenden sich ein Tütchen mit entsprechenden Globuli für eine oder mehrere Nächte unter das Kopfkissen legen. Und manche indische Ärzte denken nur intensiv an das angezeigte homöopathische Arzneimittel und bewirken dadurch die erwünschte Heilung.
Einen weiteren Aspekt der Überschreitung von stofflicher Wirkung und Vorstellung in der Arzneimittelverordnung mag eine kleine Begebenheit aus der Praxis illustrieren, die mir von einer Kollegin berichtet wurde: Eine Mutter rief sie aus dem Spanienurlaub an, viele Kilometer von der nächsten Apotheke und mehrere Tage Wartezeit vom nächsten homöopathischen Mittel entfernt. Ihr zweijähriges Kind hatte heftigen Durchfall mit großem Flüssigkeitsverlust und wurde zusehends schwächer. Die Behandlerin kam zu dem Schluß, daß das Kind ein bestimmtes homöopathisches Mittel (Podophyllum) erhalten müßte. Dieses Mittel war aber nicht am Ort des Geschehens und nicht zu beschaffen. Die Behandlerin verordnete eines der Mittel, die die Mutter mitgenommen hatte, doch ohne Wirkung. Zwei Stunden später verordnete sie ein zweites Mittel, das zwar häufig bei Durchfällen eingesetzt wird (Nux vomica, die Brechnuß), zum Zustand des Kindes aber nur mäßig gut paßte. Doch es war das einzige unter den mitgenommenen Mitteln, das noch in Frage kam, blieb aber ohne Wirkung. Da das Kind schwächer wurde und homöopathisch klar war, daß es Podophyllum brauchte, griff die Behandlerin zu einem "Trick", von dem sie wußte, daß manche Kollegen ihn in solchen Notfällen anwenden: Sie ließ die Mutter "Podophyllum C 30" auf einen Zettel schreiben, ein Glas Wasser auf diesen Zettel stellen und zehn Minuten warten. Das Kind bekam schlückchenweise von dem Wasser, bis der Zustand sich besserte. Die Besserung trat rasch ein, und nach einem Tag war das Kind fast gesund.
Die Geschichte würde Kritikern dazu dienen, die Homöopathie beziehungsweise die Behandlerin zu disqualifizieren, verdeutlicht aber die angesprochenen Zusammenhänge. Erstens sehen wir, daß die Wirkung nicht auf Suggestion beruhen konnte, denn diese hätte sich nach dem ersten, mit voller Überzeugung gegebenen Mittel auswirken müssen, nicht erst nach dem letzten, mit großer Skepsis und wenig verbliebener Hoffnung verabreichten. Und zweitens ist offenbar die Begegnung mit dem Arzneiwesen Podophyllum nicht an die Globuli gebunden, sondern auf rein geistigem Wege herstellbar. Die stoffliche Form des verabreichten Arzneimittels, und sei es in der nur noch zeichenhaften Stofflichkeit der Hochpotenzglobuli, läßt sich in der Praxis also ganz überschreiten.
Auch im Erleben derer, die ein Mittel einnehmen oder eine Arzneimittelprüfung durchführen, findet solche Überschreitung der alltäglichen Grenzen von Individualität und Wahrnehmung statt. Einige Homöopathen mit reicher Prüfungserfahrung stellen den Begriff der "Arzneimittelprüfung" in Frage, weil dieser zu sehr an die klinisch chemische Arzneimittelprüfung der Schulmedizin erinnert: "Wir nennen es absichtlich eine Arzneimittelbegegnung und nicht eine Prüfung, weil wir dem Wesen der Arznei begegnen und dies in uns nicht nur Symptome (Krankes) sichtbar macht, sondern uns auch an Sicht- und Verhaltensweisen, Erfahrungen, Erlebnisse und "Zufälle" heranführt, denen wir vorher nicht oder nur sehr rudimentär begegnet sind." Eine typische Erfahrung bei homöopathischen Arzneimittelprüfungen, die in Seminargruppen durchgeführt werden, ist, daß nicht nur die Einnehmenden dem Mittel begegnen, d.h. entsprechende Träume haben oder Symptome an sich erleben, sondern daß sich dies auch auf andere SeminarteilnehmerInnen erstreckt. Selbst PartnerInnen zu Hause können Mittelwirkungen erleben. Es drängt sich das Bild einer feldartigen Wirkung auf, die an verschiedensten Stellen eine Resonanz erzeugt. Diese "Resonanzphänomene" scheinen weder Grenzen zwischen Individuen noch zwischen Innen- und Außenwelt zu kennen. Denn Mittelwirkungen finden offenbar nicht nur am Körper, im Gefühl oder den Träumen der Prüfenden, sondern auch in der Außenwelt statt. In der Prüfung des Arzneimittels Neon berichtet eine Prüferin, die die Prüfsubstanz nicht kannte, daß sie am Tage der Mitteleinnahme eine kaputte Neonröhre vor ihrem Haus fand, die jemand über Nacht dort hingeworfen hatte, um sich ihrer zu entledigen.
C.G.Jung hat für solche Erlebnisse den Begriff der Synchronizität geprägt und meint damit eine sinnvolle Gleichzeitigkeit von ursächlich nicht miteinander zusammenhängenden Ereignissen. Er konnte solche "Synchronizitäten" vielfach in therapeutischen oder anderen intensiv mit Bedeutung aufgeladenen Situationen beobachten. Für naturwissenschaftlich Denkende ist so etwas bloß ein "Zufall" und gehört nicht ins System der erklärbaren oder erklärungsbedürftigen Wirklichkeit; für magisch Denkende sind diese analog sinnvollen Ereigniszusammenhänge natürlicher Bestandteil ihrer Wahrnehmung und ihrer Erwartung an die Welt. Sie gehören zu den Grundregeln des Daseins, von deren Eintreten wir ausgehen können, wie es für Naturwissenschaftler selbstverständlich ist, daß ein Stein immer nach unten fällt.
Ein anderes plastisches Beispiel für synchrone oder analoge Ereignisse ist eine Arzneimittelprüfung in einer größeren Gruppe im Laufe eines einwöchigen Homöopathie-Seminares: Geprüft wurde Chininum sulfuricum, eine bislang nur wenig bekannte Arzneisubstanz. Unter den Prüfenden traten mehrere auffallende Träume auf, die von Unfällen im Lebensmittelbereich handelten: Ein Teilnehmer etwa träumte von einem Küchenbrand bei MacDonalds. Bei drei Teilnehmenden, die das Mittel nicht eingenommen hatten, kam es zu einem seltsamen Vorfall in ihrem Appartement: In ihrem Kühlschrank verschmorte ein Kabel, so daß sämtliche darin gelagerten Lebensmittel verseucht waren und weggeworfen werden mußten. Dieser Vorfall bekam seinen Sinn und Zusammenhang erst bei der abschließenden Gruppenbesprechung durch die ähnlichen Träume der anderen.
Schon seit ihren Anfängen kennt die Homöopathie die unmittelbare Übertragung von Lebensenergie. Zu Hahnemanns Zeiten sprach man von Mesmerismus oder Magnetisieren. Er schreibt 1842: "Wenn man gelernt haben wird, richtig mit dem Zoomagnetisieren/Mesmerisieren zu verfahren, um die beabsichtigten Wirkungen beim Kranken hervorzuheben, so wird die Verbindung beider, die der homöopathischen Behandlung mit gehörig dynamisierter wohlgewählter Arznei in angemessener Gabe, mit zweckmäßiger zoomagnetischer Behandlung des Kranken zusammen erst die möglich vollkommenste Art, kranke Menschen herzustellen, bilden, was wir jedoch erst nach Verfluß vieler Jahre zu erwarten haben." Da Hahnemann sehr wohl den Placebo-Effekt kannte und auch bewußt einsetzte, können wir sicher sein, daß er den Mesmerismus, das heißt die Übertragung von Lebenskraft durch Handauflegen oder Streichungen mit den Händen, nicht in suggestivem Sinne verstanden hat, sondern als eine direkte, nicht-materielle Beeinflussung des menschlichen Organismus durch einen Therapeuten. Die Verwendung des Mesmerismus hat sich innerhalb der Homöopathie weitgehend verloren, als man sie an mechanistische Prinzipien anzugleichen suchte. In verschiedenen Formen der Geistheilung, Handauflegen, Reiki und ähnlichen Therapien lebt der alte mesmerische Heilmagnetismus fort.
Explizit stellt sich Hahnemann in die Tradition des spirituellen Heilens, wenn er in den "Homöopathischen Erinnerungen" schreibt: "Echt homöopathische Heilung ist ein wahrer Kultus, eine heilige Handlung, in welcher der gute Homöopathiker die Stelle der schaffenden Gottheit vertritt, um das durch Krankheit verdorbene Menschen-Geschöpf wieder neu umzubilden,...." Dieses "neu Umbilden" ist ein durch und durch schamanisches Konzept, das es in keiner herkömmlichen Medizin Europas gibt. Da wir sicher sein können, daß zu Hahnemanns Zeiten begrifflich noch nicht bekannt war, was wir heute als schamanisch bezeichnen, ist es um so verblüffender, wie genau er das Wesen der Tradition erspüren und benennen konnte, in welche er seine Medizin stellte.
Wir leben in einer modernen Welt, in welcher wir vermuten, etwas wie "Schamanismus" und "Magie" an exotischen äußeren Formen erkennen zu können. Jemand, der oder die studiert hat, vor einem Computer sitzt und nach der Behandlung eine gewöhnliche Abrechnung schickt, paßt nicht ins Schema des Schamanischen. Wenn wir uns von der äußeren Form lösen und versuchen, übereinstimmende Muster hinter den zeitbedingten Gewohnheiten zu entdecken, dann finden wir zu eine große Nähe dieser Heilweisen.
Deshalb möchte ich noch einmal zusammenfassen, welche Übereinstimmungen zwischen der schamanischen und der homöopathischen Heilweise auffallen und wo die Unterschiede liegen.
Gemeinsame Züge des schamanischen und des homöopathischen Heilens liegen darin,
Unterschiede liegen darin,
Aufgrund der hier angesprochenen Erkenntnisse über das Wesen der homöopathischen Heilung habe ich mich im Laufe der Zeit gezwungen gesehen, die Vorstellung von einer theoretisch eindeutigen, rational lehrbaren und letztlich formalisierbaren homöopathischen Arbeit, wie sie von vielen namhaften VertreterInnen versucht wird, aufzugeben. Das hier entstandene Bild des Homöopathen als eines Magiers oder Schamanen, der seine Geister zum Wohle der Kranken ausschickt und sich dazu nicht nur einen Stapel Bücher einprägen, sondern tiefgreifende Veränderungen seiner psychischen Struktur ermöglichen muß, sieht völlig anders aus. Ich nehme an, daß sich ein großer Teil meiner KollegInnen nicht in diesem Bild wiedererkennen werden zu unähnlich ist nämlich die äußere Form, die sich die homöopathische Arbeit in den letzten beiden Jahrhunderten gegeben hat. Stets hat sie versucht, sich an wissenschaftlicher Genauigkeit zu orientieren, eine gewissenhafte Objektivität ihres Handelns zu erreichen und der Maxime größtmöglicher Rationalität zu genügen. Das Selbstbild aller gut ausgebildeten BehandlerInnen ist durch diese Tradition tief geprägt. Doch wenn ich mir und anderen HomöopathInnen über die Schulter schaue und darauf achte, wie letztlich die Entscheidungen über die Wahl des Mittel, über die Potenz, die Dauer des Wartens und so weiter gefällt werden, dann erweist die behauptete Rationalität sich als eine scheinbare. Es gibt nämlich keinen wirklich logischen Weg, die wichtigen von den unwichtigen Symptomen in der Anamnese zu unterscheiden, den PatientInnen die richtigen Fragen zu stellen, nicht einmal aus der fertigen Fallanalyse die richtigen Mittel im Repertorium zu finden. Scherzhaft sagen wir manchmal: Eine gut gewählte Repertoriumsrubrik ist eine solche, in der das richtige Mittel steht! Doch genau dieser Satz trifft es.
Die HomöopathInnen der Vergangenheit, die im Umfeld einer engen mechanistischen Weltanschauung bestehen mußten, und die meisten heutigen BehandlerInnen aufgrund ihrer wissenschaftlichen Sozialisation brauchen diese Scheinrationalität, um ihr Handeln vor sich und anderen rechtfertigen zu können. Aber sie brauchen das "Schamanische", ihre Intuition und das Vertrauen auf die Magie der Arzneimittel, um wirksam heilen zu können. So erscheint die Homöopathie als eine Form persönlich geprägter Magie, die als solche nur begrenzt lehrbar ist. Jede und jeder muß sich selbst einen Weg suchen und "die eigenen Geister" finden. Die systematisierten Erfahrungen der anderen und der Einfluß von guten LehrerInnen sind dabei unerläßliche Richtschnur und geben der Arbeit ein solides Fundament. Aber es hatte wohl seinen Grund, daß Hahnemann sein zentrales Werk von "Organon der rationellen Heilkunde" später in "Organon der Heilkunst" umbenannte.
Bei all diesen magisch erscheinenden Seiten der Homöopathie, die sie mit Alchimie, Schamanismus und Esoterik in den Rahmen einer ganz anderen Weltsicht stellt, gibt es einen wesentlichen Unterschied, der bleibt: SchamanInnen begeben sich mit ihrem eigenen Bewußtsein absichtlich und kontrolliert aus dem Bereich der gewöhnlichen Welt heraus, um heilen zu können, während HomöopathInnen (in der Tradition der Alchimisten) nur ihre Arzneien durch Potenzieren aus dem Bereich der Materie heraus befördern.
Es mag wünschenswert erscheinen, die Bewußtseinsmöglichkeiten homöopathischer TherapeutInnen in schamanischer Richtung zu erweitern, um ihrer Arbeit mehr Genauigkeit zu geben. Ist es doch heute so, daß kaum jemand die Wirkung eines Mittels auf die Lebenskraft unmittelbar wahrnehmen kann. Sie muß vielmehr aus den Empfindungen und Schilderungen des Patienten erschlossen werden. Hahnemann hat sich zwar mehrfach und deutlich gegen alle "übersinnlichen Spekulationen" und für die ausschließliche Verwendung der vorurteilsfreien Wahrnehmung ausgesprochen. Aber gerade diese Haltung spricht dafür, das vorurteilsfreie Wahrnehmungsvermögen der Behandelnden soweit als möglich auszudehnen. Es gehörte zu Hahnemanns Zeit nicht zum Denkbaren oder zumindest nicht zum Diskutierbaren , daß die menschliche Wahrnehmung sich auch auf die Lebenskraft selbst erstrecken könnte. Heute wissen wir aus vielfältigen Erfahrungen und aus Zeugnissen anderer Kulturen, daß solche Wahrnehmungen durchaus möglich sind. Innerhalb einer Kultur, in der es für die Erlebnisse schamanischer Reisen und "übersinnlicher" Wahrnehmungen keine brauchbaren Begriffe und keine tradierte Struktur zu ihrer Verarbeitung und Bewertung gibt, ist es ein langer Weg dahin, der von Mißverständnissen und Irrtümern gesäumt sein wird. Aber ich bin überzeugt, daß wir ihn begehen und für andere begehbar machen werden.
"Echt homöopathische Heilung ist ein wahrer Kultus, eine heilige Handlung, in welcher der gute Homöopathiker die Stelle der schaffenden Gottheit vertritt, um das durch Krankheit verdorbene Menschen-Geschöpf wieder neu umzubilden,...." (S. Hahnemann)
Homöopathie und der spirituelle Weg
Mit diesen Überlegungen kommen wir zum letzten Thema dieses Kapitels: Homöopathie ist ein Weg, in die Ganzheit des Lebens zurückzufinden, ein Weg, den Therapierende und Therapierte zusammen beschreiten und nur gemeinsam gehen können. Damit stellt die Homöopathie sich wie alle anderen ganzheitlichen Heilverfahren in einen Zusammenhang, den wir heute als einen spirituellen bezeichnen würden.
Die Einsicht, daß alles Leben eins ist, daß alles Teil eines einzigen Kraftfeldes, eines Geistes ist, bildet eine wichtige Voraussetzung für das Verstehen der Homöopathie (wie auch des Schamanismus und der Alchimie), ist gleichzeitig aber auch die der homöopathischen Tätigkeit innewohnende Botschaft. Individualität, die einzelne Krankheit, das Leiden allein, sind nur flüchtige Illusionen. Der Name Homöopathie weist bereits darauf hin: Heilung tritt ein, wenn möglichst Ähnliches sich begegnet, im Patienten, im Behandler, in der Krankheit, im Arzneimittel, wenn sich resonante Schwingungen zu einem Gesamtklang verbinden. Damit findet, symbolisch wie tatsächlich, die Wiedereingliederung des einzelnen Leides in den Gesamtzusammenhang, in die Ganzheit des Lebens statt. Krankheit, Kranke, Behandelnde und Arzneimittel treten in der wiedergefundenen Ähnlichkeit gemeinsam wieder in die Einheit ein, aus welcher sie herausgefallen waren. Hier begegnen sich Heilung und Heil.
Homöopathie verweist als medizinische Methode auf eine andere Art, das Leben zu betrachten. "Eigentlich hat Hahnemann das Ähnlichkeitsgesetz zwar für die Homöopathie formuliert, aber es gibt viele Bereiche im Leben, wo es ebenso wirksam ist. Der für uns wichtigste Bereich liegt in der Begegnung mit dem Patienten. Um diese Ähnlichkeit auch in den feineren Schattierungen wahrnehmen zu können, ist es notwendig, einen Sinn zu entwickeln, den wir den Ähnlichkeitssinn nennen möchten," sagen zwei erfahrene Homöopathen in diesem Sinne. Was in der homöopathischen Behandlung im Einzelnen wirksam werden soll, muß im größeren Lebenszusammenhang erfahren und belebt werden, sonst bleibt die Methode tot und leer. Es geht nicht darum, eine Heilmethode zu einer Weltanschauung zu überhöhen. Die Homöopathie kann aber nur im Rahmen einer solchen sie tragenden Weltanschauung in ihren vollen Möglichkeiten wirksam werden.
Dieser Betrachtungsweise stehen die Psychotherapien, besonders die tiefenpsychologischen und die systemischen, am nächsten. Auch sie bemühen sich, den Menschen wieder in einen größeren Lebenszusammenhang zurückzubringen, je nach Schule in den des größeren Unbewußten oder den der sozialen Gemeinschaft. Gemeinsam ist ihnen, daß das Individuum geheilt wird, indem seine zu engen Grenzen auf ein Größeres hin erweitert werden. Bei erkrankten Kindern ist es die Familie, die sich auf den Weg machen muß, damit eine tiefere Heilung möglich ist. Zuerst muß die kränkende Energie wieder dorthin zurück, woher sie gekommen ist, nämlich zum Elternpaar. Durch diese Perspektive fühlen sich viele erst einmal bedroht, mit ihren Schuldgefühlen konfrontiert. Aber die Verantwortung für das Ganze hat nichts mit Schuldzuweisungen zu tun. Es ist auch für die Eltern gewinnbringend, wieder ein Paar mit Problemen statt Eltern mit einem problematischen Kind zu sein. Homöopathisch kann das so aussehen, daß ein Kind nicht unbedingt dasjenige Arzneimittel bekommt, das seinem individuellen Krankheitszustand am ähnlichsten ist, sondern eines, das die Spannung der ganzen Familie beschreibt. Dadurch ergeben sich wieder neue Lösungsmöglichkeiten für alle Beteiligten.
Trotz dieser Ähnlichkeit mit dem systemischen Denkansatz der Psychotherapie und der Tiefenpsychologie geht die Homöopathie doch weit darüber hinaus, indem sie nicht nur kleine soziale Zusammenhänge einbezieht, sondern auch die Ganzheit mit der Natur herstellt. Es ist ein gleichzeitiges In-Beziehung-Treten von Menschen und heilenden Wesen aus den Naturreichen. Soviel die Psychotherapie zur Überwindung sozialer Grenzen beitragen mag, manifestiert sie in ihrem Ansatz doch eine grundlegende Spaltung unserer Kultur, die zu weiterer Fortsetzung unserer kollektiven Probleme führt. Der Kulturhistoriker Roszak analysiert: "Obwohl Freuds desolate und von tiefer Verzweiflung geprägte Vision des Lebens in der professionellen Literatur selten diskutiert wird, geht ihr Gespenst in den Hauptströmungen des psychologischen Denkens immer noch um. Es ist eine Art negative Präsenz, nie erwähnt, aber im Hintergrund immer anwesend: Die Vision eines Kosmos, der so unmenschlich, so fremd ist, dass er nicht ins Bewusstsein hineingenommen werden kann. Daß die moderne Psychotherapie für die Trennung von der Natur in ihrer Gesamtheit entschied und sich den Leiden der Seele nur innerhalb eines rein persönlichen oder sozialen Bezugsrahmens widmet, hängt damit zusammen, daß Freuds mutiger Versuch, eine menschlich akzeptable Verbindung zwischen der inneren und der äußeren Welt herzustellen, fehlschlug."
Die Homöopathie geht einen entscheidenden Schritt weiter und ist damit in ihren Heilungsmöglichkeiten umfassender. Sie baut nicht nur auf die Beziehung zwischen Menschen, sondern bezieht die Ganzheit des Lebens ein. Die Welt der Homöopathie ist nicht nur eine soziale, städtische, nicht nur eine Welt der Vorlesesäle und Therapieräume. Die vielfältigen Wesen das Natur sind zu Hunderten mit dabei, und wir müssen uns auf sie einlassen, um Heilung, Gesundheit und letztlich Heil zu finden.
Somit kann die Homöopathie einen Weg oder eine Hilfe zu einer größeren Gesundheit bieten. Die Arbeit mit den hier geschilderten Gesetzmäßigkeiten und den homöopathischen Mitteln läßt sich einsetzen, um einen spirituellen Entwicklungsweg zu begleiten. Hahnemann deutet dies selbst an, wenn er über die Auswirkungen spricht, die das langjährige Durchführen immer neuer Arzneimittelprüfungen hat, oder wenn er vom "Umbilden" der ganzen menschlichen Persönlichkeit durch Homöopathie spricht. Offenbar hatte er mehr im Sinn als das bessere Funktionieren im Alltag. Homöopathie kann für die TherapeutInnen einen spirituellen Weg darstellen, wie dies im Grunde das Erlernen einer jeden ganzheitlichen Therapieform sein müßte. Und sie kann dies denjenigen PatientInnen bieten, die sich von einer Therapie mehr versprechen als die Wiederherstellung ihrer körperlichen Funktionen.