Auszug aus Teil II des Buches

"Die andere Wirklichkeit der Homöopathie"

von Jörg Wichmann

Informationen zum Buch

 

 

Eine andere Wirklichkeit

Der Begründer der Homöopathie hat Wert darauf gelegt, daß die Homöopathie keine Weltanschauung sei, sondern eine Heilmethode beziehungsweise Heilkunst. Damit hat er natürlich Recht gehabt, denn ein medizinisches System allein kann keine Weltanschauung darstellen. Andererseits aber steht jede Heilweise im Rahmen einer bestimmten Weltanschauung, einer umfassenden Deutung der Wirklichkeit, welche ihrem Handeln einen Sinn verleiht.

Zu den Hauptproblemen homöopathischer InteressentInnen wie TherapeutInnen gehört, daß die Wirkungsweise der homöopathischen Mittel nicht erklärt wird und das therapeutische Handeln in keine brauchbare Theorie eingebettet wird. Selbst praktizierende BehandlerInnen können oft keine gute Theorie für ihr Handeln angeben, jedenfalls keine, die einigem Nachfragen standhalten würde. Die mit der Homöopathie gemachten Erfahrungen sowie ihre Regeln scheinen in einem weltanschaulichen Leerraum zu stehen und haben keinen erkennbaren Zusammenhang zu unserem derzeitigen Weltbild. Eine Gesetzmäßigkeit wie die Ähnlichkeitsregel ist nämlich nur dann mehr als eine bloße Behauptung, wenn sie ihren Platz im Rahmen einer Ordnung hat, die einen größeren Ausschnitt der Welt zu erklären verspricht als den Vorgang der Heilung. Ohne einen solchen – bewußten oder unbewußten – Hintergrund können wir die Leitlinien einer Heilweise weder verstehen, noch sinnvoll anwenden. Eine ganzheitliche Medizin muß also Teil einer ganzheitlichen Wissenschaft im Rahmen eines entsprechenden Weltbildes sein, so wie die Schulmedizin Teil der mechanistischen Wissenschaften und des positivistisch-materialistischen Weltbildes ist.

Hinsichtlich der homöopathischen Heilwirkung wird oft von "Energien" und "Schwingungen" geredet, aber diese Begriffe klingen nur, als könnten sie etwas erklären, da es sich nicht um physikalisch faßbare Schwingungen oder Kräfte handelt. Diese Begriffe beziehen sich nicht auf Bekanntes, sondern führen zur Erklärung mysteriöse neue Größen ein, die uns an physikalische Begriffe erinnern sollen. Schwierig ist auch der Hinweis auf wissenschaftliche Studien zur Homöopathie, derer es inzwischen etliche gibt, da diese Studien schon Mühe haben, homöopathische Wirkungen überhaupt nachzuweisen. Zu den komplexen homöopathischen Gesetzmäßigkeiten läßt sich mit ihrer Hilfe nichts sagen.

Viele PatientInnen, die ansonsten kritisch und gut informiert mit Behandlungen und Behandlern umgehen, nehmen bei der Homöopathie in Kauf, daß sowohl die Wirkungsweise als auch die Behandlungsstrategie undurchschaubar bleiben. Das zeigt einerseits, daß das Vertrauen in die Alternativverfahren nicht so drastisch verspielt ist wie in die Schulmedizin. Andererseits scheinen der ganzheitliche Ansatz und die Ähnlichkeitssuche auch ohne gültige Theorie auf eine intuitive Resonanz stoßen. Die Homöopathie knüpft offenbar an ein archaisch-intuitives Grundverständnis des Menschen von der Welt an. Aber eine bewußte und mündige Entscheidung für eine Therapieform ist nur möglich, wenn die geistigen Hintergründe reflektiert und verarbeitet werden können.

Die Homöopathie läßt sich durchaus in einen klaren theoretischen Zusammenhang bringen und vernünftig erklären, allerdings nicht im Rahmen der mechanistischen Naturwissenschaft.

In der historischen Entwicklung der Homöopathie war fatal, daß zu Hahnemanns Zeit kein zur Homöopathie passender Erklärungsrahmen zur Verfügung gestanden hat. Denn dasjenige Weltbild, in welches die Homöopathie nahtlos hinein paßt, ist das sogenannte hermetische, oder wie wir heute sagen würden, das esoterische. Dieses hatte im Jahrhundert vor Hahnemann seine prägende Kraft im Abendland verloren und galt in Hahnemanns ärztlichen und gesellschaftlichen Kreisen als nicht diskussionswürdig. Er hätte also nicht einmal dann darauf zurückgreifen können, wenn ihm der Zusammenhang bewußt gewesen wäre. Für ihn war es selbstverständlich, sich an die Erklärungsstrukturen der rationalen Aufklärung anzulehnen und sein System im Sinne der sich gerade entwickelnden Naturwissenschaften aufzubauen. Seine Idee, eine Medizin zu entwickeln, die die Exaktheit der Mathematik erreichen kann, ist an unseren heutigen Kenntnissen vom Menschen gemessen absurd, aus dem aufklärerischen Pathos seiner Zeit heraus aber durchaus verständlich. Hahnemann konnte zu seiner Zeit noch nicht wissen, daß die mechanistischen Naturwissenschaften auch in ihrer Blüte kein für die Homöopathie brauchbares Theoriegebäude würden liefern können. Auch wenn in der Entstehungszeit der Homöopathie die zu ihr gehörige Weltanschauung gerade aus der Mode gekommen war, konnte Hahnemann auf ein Vorverständnis seitens seiner Zeitgenossen zurückgreifen. Sonst hätte sein Therapieansatz nirgendwo Aufnahme gefunden.

Um die hier vorgenommene Gegenüberstellung von Weltbildern zu verstehen, muß man sich immer wieder klar machen, daß unsere Denkgewohnheit falsch ist, daß die Naturwissenschaften eine "objektive" oder wahre Sicht der Welt liefern. Jede Sichtweise und Deutung unserer Wahrnehmungen von der Welt kann immer nur eine mögliche neben anderen sein. Jede Weltdeutung geht (meist unbewußt) von bestimmten, nicht beweisbaren Voraussetzungen aus, die sie von anderen Weltanschauungen unterscheidet und zu einer anderen Sicht der Dinge führt. Die mechanistischen Naturwissenschaften beschreiben auf ihre Weise eine bestimmte Sicht der Welt, so wie andere Weltanschauungen eine andere Sicht der Welt beschreiben. Jede von ihnen setzt die Grenzen der Welt und des Möglichen an anderer Stelle, für jede Weltanschauung sind andere Vorgänge selbstverständlich oder unmöglich. Jede hat andere Vorstellungen von Zeit und Raum, Subjektivem und Objektivem, Geist und Materie, sowie andere aus diesen Grundannahmen folgende Werte.

Es ist üblich, daß jede kulturelle Epoche eine bestimmte, in ihrer Zeit dominante Weltanschauung hat, die als "die Wahrheit" gilt. Diese vorherrschende Weltanschauung verändert sich mit der Zeit. So ist etwa in den letzten zwei Jahrzehnten innerhalb der euro-amerikanischen Kultursphäre zu beobachten, daß der bis dahin gültige Konsens über die "Objektivität" der naturwissenschaftlichen Weltsicht ins Wanken geraten ist. Wir befinden uns in einer kulturellen Übergangszeit, in welcher deutlich wird, daß es mehrere gültige Aussagesysteme über die Welt geben kann, unter welchen die Naturwissenschaften abendländischer Färbung eine Möglichkeit darstellen.

Worin besteht nun jene Weltsicht, aus der heraus die Homöopathie gut erklärbar wird? Was hat die Homöopathie mit der Alchimie und dem Schamanismus gemeinsam, daß ich sie in einem Atemzuge nennen kann? Wir beziehen uns auf eine Weltanschauung, mit der die Menschheit seit hunderttausenden Jahren überall auf der Welt lebte und weitgehend noch lebt. Uns, die wir in den gedanklichen Gewohnheiten des Rationalismus und Szientismus groß geworden sind, fällt es meist schwer, uns vorzustellen, daß diejenige Weltanschauung, die uns selbstverständlich und "objektiv" scheint, nur eine flüchtige Modeerscheinung in der Weltgeschichte ist. Da die moderne Weltsicht nicht das Ziel hat, die Welt zu verstehen, sondern sie zu manipulieren, hat sie sich in kürzester Zeit unglaubliche Machtinstrumente (technische wie soziale) geschaffen, um Natur und Menschen weltweit unter ihren Zugriff zu bringen. Obwohl sie kaum zweihundert Jahre alt ist und von den meisten Menschen nur bruchstückhaft verstanden wird, ist sie seit ein paar Jahrzehnten auf diesem Planeten vorherrschend. Es handelt sich dabei um eine sehr einseitige und deshalb wohl vorübergehende Erscheinung, die nach und nach (und hoffentlich ohne größere Katastrophen) wieder einem umfassenderen Bild von der Welt und vom Menschen weichen und sich in eine ganzheitliche Weltanschauung integrieren wird. Der Höhepunkt der rationalistisch-szientistischen Phase ist bereits überschritten, und wir erleben allerorten die Schattenseite. Nicht zufällig ist es die Medizin, aus der Impulse kommen, die oberflächliche Sicht der mechanistischen Naturwissenschaften in Frage zu stellen. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts, als der Szientismus die Alleinherrschaft errungen zu haben schien, als alle Hoffnungen sich auf immer bessere Technik und immer mehr Chemie richteten und als selbst die Theologen sich von Gott und der Seele verabschiedeten, waren es nur noch der Okkultismus und die Alternativmedizin, die Reste eines ganzheitlichen Weltbildes bewahrten. Seit den achtziger Jahren hat sich das Blatt nach und nach gewendet, so daß es heute möglich ist, die weltanschaulichen Grundlagen einer medizinischen Richtung wie der Homöopathie offen darzustellen, ohne sich damit öffentlich zu disqualifizieren. Die Zeit der unsachgemäßen und auch uneffektiven Anbiederung an die mechanistische Denkweise ist vorbei.

Heute stehen wir vor der Aufgabe, die alte (und neue) Weltsicht wieder kennenlernen zu müssen und uns ihrer Blick- und Vorgehensweise zu öffnen. Welches sind die kennzeichnenden Grundzüge und welches die geistigen Säulen, auf denen sie beruht? Und wie gehört die Homöopathie hinein in diese "philosophia perennis", in die immerwährende Weisheit? – Das soll das Thema dieses Kapitels sein.

 

Die Weltsicht der Antike

Alle Völker haben von je her in einer Welt gelebt, die die Griechen als "Kosmos" bezeichneten: eine sinnvoll geordnete Welt, im Gegensatz zum Chaos (jener Welt aus Zufall und Beliebigkeit, in die wir Moderne geworfen sind). In einem Kosmos haben alle Wesen und Dinge ihren Platz und ihren Sinn. Alles ist miteinander verbunden, miteinander verwandt und aufeinander bezogen. Alles ist lebendig und beseelt, vom Stein bis zu den Gottheiten. Und die verschiedenen Schichten des Daseins wurden als durchlässig erlebt; das Seelische ist nicht streng vom Körperlichen getrennt: die Welt eine große und komplexe Einheit.

Über endlose Zeiträume der Menschheitsgeschichte fand diese Weltsicht ihren Ausdruck im Mythos, dessen letzte Spuren im Märchen auf uns gekommen sind. Die mythische Welt zeigt sich in unterschiedlichsten Bildern, ist aber in ihrer Tiefe überall auf der Welt gleich. Im Mythos verbindet sich die Erkenntnis der Welt mit der Erkenntnis der Seele – Psychologie und Kosmologie sind identisch.

Erst mit der griechischen Antike begannen die europäischen Menschen vor zweieinhalbtausend Jahren einen Sonderweg. Das Bewußtsein des einzelnen Menschen begann, der Welt auf neue Art gegenüber zu treten, neue Fragen zu stellen und sich fremder zu fühlen. Die einheitliche Kultur zerfiel in unterschiedliche Strömungen: die Politik, die Religion, die Philosophie, die Magie, die Wissenschaft, die Medizin, die Kunst – eine Bewegung, die konsequent bis zu unserem Spezialistentum führte. Bis dahin waren Heilen und Spiritualität, das Wissen vom Schicksal und vom Körper, Kräuterkunde und Rituale untrennbare Einheit des einen Lebens.

Von den verschiedenen sich herausbildenden Traditionen trugen einige länger als andere das alte Wissen und Reste der alten Lebenshaltung mit sich. Diese Überlieferungen – unter ihnen die Magie, die Astrologie, die Alchimie und die Medizin – wanderten im Laufe der Jahrhunderte in den kulturellen Untergrund und bewahrten undeutlich die alte, umfassende Sicht der Wirklichkeit. Nach dem legendären Weisen Hermes Trismegistos, dem dreimalgrößten Hermes, der den Namen des griechischen Götterboten und Totenführers trägt, bezeichnete man sie lange als die Hermetik. Im europäischen Mittelalter galt sie lange als scientia, als die Wissenschaft an sich, trug dann in der Hochzeit des Materialismus die Bezeichnungen der Geheimwissenschaft oder des Okkultismus, und wird heute meist als Esoterik benannt.

Die Alchimie ist in mancher Hinsicht der Homöopathie am ähnlichsten und vereint in sich wesentliche Züge der alten Weltsicht bis in die praktische Anwendung hinein. In ihr spielte die Astrologie eine wichtige Rolle, in ihr sammelte sich das ganze alte Wissen um die Natur, die Minerale und die Pflanzen; und sie hat eine unmittelbare Beziehung zur Medizin gehabt und eigene Heilmittel hergestellt.

 

Die Alchimie

Unter den großen antiken Traditionen darf wohl die Alchimie das höchste Alter beanspruchen. Sie reicht weit in die mythische Zeit und läßt sich bis auf die ältesten menschlichen Bemühungen um die Beeinflussung der Materie zurückführen. Als der Mensch lernte, die Metalle zu bearbeiten, sah er dies als einen Eingriff in den Ablauf der Natur an, als das Berühren eines Mysteriums. Schmiede galten von Anfang an als Magier, deren Arbeit von Tabus umgeben war und oft auch im Zwielicht stand, weil sie mit dem Inneren der Materie und dem geheimnisvoll verwandelnden Feuer verbunden war. Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte, wurde dafür von den Göttern grausam bestraft. Bei den Germanen waren bestimmte Zwerge, die Schwarzalben, im Besitz der Schmiedekunst. Sie waren zwar reich und geschickt, aber unberechenbar und heimtückisch. Noch heute assoziieren wir den Teufel mit Feuer und Schwefelgestank. Schwefel aber war eines der drei alchimistischen Grundelemente (Merkur, Sulfur und Sal; d.h. Quecksilber, Schwefel und Salz).

Die archaische Weltvorstellung, die in der Alchimie fortlebte, ging von einer belebten Materie aus, die im Schoße der Erdmutter reifte und wuchs. Durch geeignete, von Ritualen begleitete Handlungen konnte diese Reifung der Materie beschleunigt werden. Metalle ließen sich wandeln und färben. Dem Alchimisten ging es darum, die Materie auf die höchste Seinsebene zu heben, die durch das Metall "Gold" symbolisiert wurde. Dieser Prozeß verlief Hand in Hand mit der seelischen Reifung des Alchimisten, der dadurch Unsterblichkeit erlangte. Die alchimistische Laborarbeit war Gebet, Meditation und Experiment in einem.

Mit der Entheiligung der stofflichen Welt, die durch das Christentum vorbereitet und von der naturwissenschaftlichen Ideologie bis zur letzten Konsequenz durchgeführt wurde, verlor die Alchimie ihre Wirksamkeit als ein geistiger Reifungsweg. Die Chemie übernahm einige ihrer Methoden und führte sie völlig anderen Zwecken zu. Ihre Symbole wurden zum Teil vergeistigt und gingen zum Teil verloren. Erst C.G.Jung hat in diesem Jahrhundert wieder darauf aufmerksam gemacht, daß Alchimie mehr war, als eine primitive Chemie unter irrigen Voraussetzungen. In ausführlichen Studien weist er den Initiationsweg (Jung nennt es Individuation) des Alchimisten im Kontakt mit seiner "Materie" nach. Diese alchimistische Sicht der Materie ist für den modernen Menschen kaum noch nachvollziehbar. Fällt es doch den meisten schon schwer genug, sich das Göttliche im Vollzug der Kommunion zu vergegenwärtigen. "Man braucht sich nur eine Kommunion vorzustellen, die nicht mehr auf die Gestalten Brot und Wein beschränkt bliebe, sondern auf die Berührung mit jeder >Substanz< ausgedehnt wäre, um den Abstand zu ermessen, der zwischen einer solchen archaischen religiösen Erfahrung und der modernen Erfahrung der >Naturphänomene< besteht."

Da wir aber nicht einfach aus dieser heutigen Erfahrungsweise der Natur heraustreten können und die Alchimie ein Weg innig verbundener innerer und äußerer Erfahrung ist, läßt sie sich heute kaum mehr verlebendigen. Bis auf wenige Ausnahmen findet man unter diesem Begriff entweder eine Art von Parachemie oder an Jung angelehnte imaginative Methoden.

 

In der Antike nahm die abendländische Alchimie in Alexandrien vom zweiten Jahrhundert v.Chr. bis zum zweiten Jahrhundert n.Chr. die Formen an, die bis in die Neuzeit hinein erhalten blieben. In den Mysterien jener Epoche erlebten die Mysten das Sterben und Auferstehen des Gottes (Dionysos, Iakchos, Mithras, Jesus) im mythischen Drama. Der Alchimist, die Alchimistin hingegen erlebten den Abstieg und Aufstieg ihrer Seele im Bilde der sich verändernden Materie, die im Labor die Phasen der Auflösung, Läuterung, Reifung und Vollendung durchmachte – ein gewaltiger materiell-seelisch-geistiger Prozeß, den die Alchimisten als "das Große Werk" bezeichneten. Die damit verbundenen Bilder erinnern stark an schamanische Einweihungsriten und –visionen, in welchen die InitiandInnen ihre Zerstückelung, den Tod und die Auferstehung leibhaftig erlebten.

Wichtig ist, sich dabei klar zu machen, daß die AlchimistInnen diese Vorgänge nicht als ein symbolisches "Als-ob" erlebten. Der materielle Vorgang war für sie wirklich und auf eine Weise mit ihrem Seelenleben verbunden, die wir uns heute schwer vorstellen können. Die Paradoxie dieses Verhältnisses war ihnen bewußt, wenn etwa über den Stein der Weisen, das Elixier oder das philosophische Gold geschrieben wurde, es sei nicht das gewöhnliche Gold und überall auf der Straße zu finden, nur erkenne es niemand. Andererseits wurden erhebliche Vorkehrungen getroffen, damit niemand das "Geheimnis" erführe, wie das Gold oder der Stein herzustellen sei. Dies führte dazu, daß alchimistische Texte in ihrer Verschlüsselung für spätere und uneingeweihte Lesende kaum mehr zu verstehen sind. Autodidakten war der Einstieg über das Lesen verwehrt. Nur die Einweihung durch einen Meister der Alchimie gewährte den Zugang zur Kunst der Künste. Denn es wurden nicht nur geistige Inhalte chemisch, sondern auch umgekehrt chemische Stoffe und Vorgänge mit mythischen Bildern beschrieben, was die Verwirrung komplett machte.

Praktisch gingen die AlchimistInnen so vor, daß sie Materie zunächst in ihren Urzustand zurückversetzten und somit die materia prima gewannen, aus welcher heraus alle anderen Zustände durch Reifungsvorgänge zu erhalten waren. Der höchste erreichbare Zustand des Stofflichen galt als der Stein der Weisen oder lapis philosophorum. Mit der Darstellung des Steins der Weisen erreichten die AlchimistInnen ein mystisches Ziel, mit dem sie sich der kosmischen Einheit wieder annäherten. Auch wenn das Vorgehen, das Ziel und die Bilderwelt der Alchimie auf uns irrational wirken mögen, so liegt ihnen doch eine verständliche und in sich schlüssige Struktur zugrunde. Diese Struktur teilt sie mit der Homöopathie, wie wir später erläutern werden.

Da Heil und Heilung nahe bei einander liegen, haben die AlchimistInnen sich auch mit der Heilung und Linderung körperlicher Beschwerden und Krankheiten beschäftigt, ja dies zum Teil sogar in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt. "Die indische und die chinesische Alchemie hatte ihren Schwerpunkt in der Herstellung von Präparaten zur Lebensverlängerung, während in der abendländischen Alchemie die Transmutation der Metalle das größere Interesse fand." Aber auch in Europa entwickelte sich eine Tradition der alchimistischen Herstellung von Medikamenten, welche als "Spagyrik" bekannt ist und auch heute noch existiert. Aus einer Reihe von spezialisierten Laboratorien lassen sich solche, auch als "Arcana" bezeichnete Medikamente beziehen.

Abgesehen von den einzelnen Heilmitteln für bestimmte Beschwerden, den Arcana, gab es auch die Idee eines Allheilmittels, der "Panacée", der des Elixiers, einer Substanz, die in der Lage sein sollte, jedes Leiden auf der Stelle zu heilen und jenen, die darüber verfügten, körperliche Unsterblichkeit zu verleihen. Zahlreich sind die Geschichten über die Adepten, die Jahrhunderte überdauerten und unter verschiedenen Namen auftauchten. Es gibt eine ganze Reihe gut bezeugter Heilungsberichte (u.a. einen von Goethe über eine geheimnisvolle alchimistische Heilung an sich selbst, die sein lebenslanges Interesse an dieser Disziplin begründete), die nahelegen, daß die überlieferten Geschichten über ihre legendenartige Form hinaus einen wahren Kern hatten und von Heilkünsten erzählen, die auf einer gezielten Umwandlung von Materie beruhten und den Zeitgenossen wie Wunder vorkamen.

Die einzelnen spagyrischen Heilmittel stehen zum Elixier im gleichen Verhältnis wie die einzelnen Metallumwandlungen zum Großen Werk. So kann man vielleicht alchimistische Arbeiten geringerer und höherer Ordnung unterscheiden. Die Herstellung des Steines der Weisen, das Große Werk und die Herstellung des Elixiers gilt deshalb oft auch als ein einziger Prozeß. Nur der vollkommen gereifte Adept kann das Elixier erlangen. Nur er (oder sie) hat den Mikrokosmos gemeistert, die eigene Seele geläutert und zur Reife kommen lassen, und kann somit auch umfassenden Einfluß auf den Makrokosmos nehmen. So entspricht es den Gesetzen der Analogie von Mikro- und Makrokosmos, von Oben und Unten, von Innen und Außen.

 

Mikro- und Makrokosmos

Die Welt der alten Völker ist immer eine geordnete gewesen, ein großes Ganzes, in welchem alles belebt und beseelt und in der Tiefe miteinander verbunden ist. Alles folgt ehernen Gesetzen, die unseren Kosmos ordnen und zu einer sinnvollen Welt machen, in welcher jedes Wesen seinen Platz hat. Allerdings sind die Gesetze dieses Kosmos andere als diejenigen, die wir heute als Naturgesetze bezeichnen und die uns das Funktionieren verschiedener materieller Einheiten genau zu erklären vermögen. Zum Teil fanden diese kosmischen Gesetzmäßigkeiten ihren Ausdruck in Mythen und Märchen, in Bildern also, deren Bedeutung sich unser modernes Denken erst erschließen muß, die aber für intuitive Menschen, Kinder und Künstler immer noch direkt verständlich sind. Zum Teil wurden die Gesetze auch ausdrücklich formuliert. Allerdings sind die klassischen Formulierungen dieser Gesetze, wie etwa die berühmte Smaragdtafel (siehe Kasten), für uns schwer verständlich. Deshalb werde ich die Grundgesetze in unseren Begriffen erklären.

Die Grundgesetze der Hermetik, der "ewigen Philosophie", der Alchimie, der Magie oder der Esoterik lassen sich zusammenfassen als das Gesetz der Analogie, das Gesetz der Polarität, das Gesetz der Daseinsebenen, das Gesetz des Mandala und das Gesetz der Einheit. Hier werden zunächst die Grundlagen erläutert und später der Zusammenhang zur Homöopathie.

 

Die "Tabula Smaragdina"

"1. Es ist wahr, ohne Lüge, sicher und gewiß.

2. Was unten ist, ist gleich dem, was oben ist;

und was oben ist, ist gleich dem, was unten ist;

um die Wunder des Einen zu vollbringen.

3. Und wie alle Dinge aus Einem sind, aus dem Denken des Einen, sind auch die gewordenen Dinge durch Entsprechung aus diesem Einen entstanden.

4. Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter ist der Mond. Der Wind hat es in seinem Bauch getragen; die Erde ist seine Ernährerin.

5. Dies ist der Vater der ganzen Vollkommenheit der Welt.

6. Seine Kraft ist ungeteilt, wenn sie in Erde verwandelt ist.

7. Trenne sanft und sehr sorgfältig die Erde vom Feuer und das Feine vom Groben.

8. Es steigt zum Himmel auf und von dort wieder herab zur Erde; und es nimmt die Kraft des Oberen und des Unteren auf. So erlangst du allen Ruhm der Welt, und deshalb wird alle Dunkelheit von dir weichen.

9. Hier liegt die Kraft aller Kräfte, da sie alles Feine überwindet und alles Feste durchdringt.

10. So wurde die Welt erschaffen.

11. Hierher stammen die wunderbaren Entsprechungen, deren Art und Weise die hier genannte ist.

12. Darum werde ich dreimalgrößter Hermes (Trismegistos) genannt, der die drei Teile der universellen Philosophie besitzt.

13. Was ich über das Werk der Sonne sagte, ist damit vollendet."

 

Der Dreh- und Angelpunkt der anderen Wirklichkeit ist das Gesetz der Analogie, der Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos. Als "Mikrokosmos" wird hier das Einzelwesen bezeichnet und als "Makrokosmos" die gesamte Welt. Und die Grundvorstellung ist, daß Makrokosmos ("oben") und Mikrokosmos ("unten") sich entsprechen, das heißt, daß sie sinnvoll Bezug zu einander haben – modern gesprochen etwa wie in einer Holografie, wo jedes Bruchstück ein vollständiges Bild des Ganzen ist. Diese Ordnung wird oft in dem Satz "Wie oben, so unten" zusammengefaßt und bringt die universelle Verbundenheit aller Dinge auf einen Punkt.

Ungewohnt für naturwissenschaftliche Denkende ist, daß die Verbundenheit den Regeln der Bilder folgt und nicht denen materieller Zusammenhänge. Ein Beispiel: Wir alle können wohl etwas damit anfangen, daß das Gefühl der Wut zur Farbe Rot paßt, vielleicht auch noch, daß der Planet Mars etwas mit der Wut zu tun hat, da er nach dem Kriegsgott heißt und auch der rote Planet genannt wird. Dies alles wirkt auf uns spontan "passend". Aber daß der Planet Jupiter, die Farbe Blau und die Zahl 4 einen ebensolchen Zusammenhang miteinander haben, ist uns nicht geläufig. Wie wir rechnen und lesen lernen müssen, damit Zahlen- und Buchstabenreihen einen Sinn für uns ergeben, so müssen wir auch die Gesetze der Analogien erst erlernen, bevor sie einen Sinn für uns ergeben und wir damit umgehen können. Dieser Lernprozess findet in den meisten Kulturen durch Erzählungen und Rituale statt; das ganze Weltbild ist davon durchdrungen, von der Religion über die Medizin bis hin zum Aberglauben.

Entscheidend für unser heutiges, eher psychologisch orientiertes Verständnis ist, daß die Analogiebeziehung natürlich auch für das Innere des Menschen und für die äußere Welt gibt. Ja, diese moderne Unterscheidung zwischen "innen" und "außen" besteht im Grunde nicht. Es gibt nur eine Welt, in welcher alles miteinander in Verbindung steht, auch durch die verschiedenen Seinsebenen hindurch. "Oben" und "unten" bezeichnete ursprünglich die Ebene der Gestirne und die irdische Welt der Menschen, welche in einer solchen Analogiebeziehung stehen. In vielen zeitgenössischen Diskussionen um die Astrologie ist zu bemerken, wie wenig diese Prinzipien heute noch verstanden werden. Da wird immer wieder über die möglichen Wirkungen von Planeten und Fixsternen auf die Menschen nachgedacht, um die astrologischen Behauptungen zu beweisen oder zu widerlegen. Es geht aber nicht um Wirkungen, diese haben – sollten sie denn bestehen (wie zum Beispiel die Verursachung von Ebbe und Flut durch den Mond) – jedenfalls nichts mit Astrologie zu tun. Analogie bedeutet, daß alle Dinge im Kosmos (das macht eben einen Kosmos aus) sich in sinnvoller Entsprechung zueinander verhalten. Daß ich ein cholerischer Mensch bin, spontan und zu Wutausbrüchen geneigt, und daß der Planet Mars auf meinem Aszendenten steht, hat keine kausale Verbindung zueinander. Mars wirkt nicht irgendwie auf mich, sondern die Stellung dieses Planeten paßt zu meinem Charakter, Mars entspricht mir.

Ein für das medizinische Denken und Vorgehen wichtiger Aspekt des alten hermetischen (und somit auch des homöopathischen) Denkens ist, daß die Aufspaltung von Körper und Seele nicht vorhanden ist. Alles ist in allem enthalten und wirkt auf einander ein, Mikro- und Makrokosmos entsprechen sich, alles Sein hat Aspekte oder Schichten, die wir als körperlich, seelisch und geistig beschreiben, aber es gibt keine Trennung zwischen einem nur materiellen Körper und einer nicht-materiellen Seele, deren Wirkungen aufeinander erklärungsbedürftig sind und streng genommen nicht erklärt werden können. Die daraus notwendige Spaltung des Heilens in eine mechanistische Körpermedizin, eine körperlose Psychologie und ihre Aneinander-Flickung in der "Psychosomatik" ist unter der Sicht der hier geschilderten Weltanschauung nicht erforderlich und auch nicht sinnvoll, da im wirklichen Leben Körperliches, Seelisches und Geistiges als Einheit vorkommen. Das Körper-Seele-Problem wird nicht gelöst werden, indem wir herausfinden, wie die Seele auf den Körper wirken kann. Definitionsgemäß könnte sie das nur, indem sie die Naturgesetze außer Kraft setzt, welche ohne seelische Komponente formuliert sind. Die Lösung kann nur darin liegen, von einem Weltbild auszugehen, das keine solche Spaltung vornimmt, sondern sich an der erlebten Wirklichkeit orientiert, in welcher die Welt eine Einheit bildet.

Zweites zentrales Gesetz dieser Weltsicht ist das Gesetz der Polarität: Alles manifestierte Dasein ist in Polaritäten angeordnet – Tag und Nacht, hell und dunkel, gut und böse, Leben und Tod, gesund und krank, usw. Wichtig ist dabei das Verständnis, daß diese Polaritäten nicht im üblichen Sinne Gegensätze bilden, die sich ausschließen, sondern vielmehr einander bedingende und untrennbare Seiten eines Zustandes sind. Erst in der polaren Form tritt unsere Welt ins Dasein, werden Unterscheidungen und Bewußtsein möglich. Im absoluten Sein fallen die Gegensätze zusammen, geschieht nichts, gibt es keine Bewegung und keine Individualität – es ist die Quelle, aber kein Teil der Welt, die wir kennen. Darauf weisen alle MystikerInnen hin: Im absoluten Sein (in der Gottheit) gibt es keine Erkenntnis, keinen Erkennenden, kein Subjekt und Objekt. Dies sind alles erst Eigenschaften der polaren Welt, der Dualität.

Konkret bedeutet das, daß ich immer davon ausgehen kann, im Umraum einer stark ausgeprägten Eigenschaft auch ihren Gegenpol zu finden. Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, sagt der Volksmund sehr richtig. Wenn ein Zustand sich lange in eine Richtung bewegt, wird er irgendwann einen Umschlagpunkt kommen und sich in die Gegenrichtung bewegen; diese Regel gilt nicht nur für das physikalische Pendel, sondern ist eine kosmische Grundregel, bis hinein in die menschliche Psyche. Jedes Extrem ruft nach dem Gegenextrem – das ist für gesundheitliche Betrachtung ebenso ein sehr wichtiger Punkt wie für die Ethik.

Als drittes begegnet uns das Gesetz der Daseinsebenen, worin sich ausdrückt, daß – zumindest in der Sichtweise des menschlichen Bewußtseins – der ganze Kosmos in verschiedenen Seinsschichten angeordnet ist. Diese sind einerseits untrennbar miteinander verbunden, folgen andererseits aber ihren eigenen Gesetzen.

Die Tradition spricht von einer Hierarchie des Daseins, was wir heute lieber anders ausdrücken, weil der Hierarchiebegriff, aus dem Zusammenhang gelöst und ins Politische übertragen, sich verheerend ausgewirkt hat. Gerade diese Tatsache ist ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist zu verstehen, daß die Gesetze der jeweiligen Daseinsebenen nicht miteinander vertauscht werden dürfen – ein Fehler, der gerade von sogenannten Esoterikern oft gemacht wird.

Die Ebenen, von denen hier die Rede ist, sind unter anderem folgende: Die physische Ebene umfaßt alles, was wir sehen, anfassen und messen können. Diese wird überlagert und gestaltet von der ätherischen oder dynamischen Ebene, die Lebenskraft, Prana oder Chi (bzw. Qi) genannt wird. Darüber liegen die Ebenen der Gefühle und der Gedanken, darüber wiederum die des verursachenden Willens und des reinen Geistes. In der Besprechung der Homöopathie werden uns diese Ebenen wieder begegnen und dort mit mehr Inhalt gefüllt werden.

Von esoterischen Schulen werden oft sieben oder neun solcher Daseinsbereiche angesetzt, wobei die Zahl der Unterteilungen zum Teil willkürlich ist, zum Teil aber im interkulturellen Vergleich erstaunlich konsistent. Ganz eindeutig haben wir es hier mit einer universellen Menschheitserfahrung zu tun. Einer Erfahrung, die wir Moderne weitgehend verloren haben. Unsere Wissenschaft beschäftigt sich nur noch mit der untersten der Ebenen, der physischen.

Die Ebenen des Daseins werden keineswegs als Abstraktionen vorgestellt, sondern in verschiedenen Bewußtseinszuständen als sehr konkrete Wirklichkeit erlebt, wirklicher als unsere physische Welt. Gemäß dem hierarchischen Prinzip, welches für die Daseinsebenen gilt, hängen nämlich die niederen Ebenen von den höheren ab und sind insofern in gewisser Hinsicht weniger "real" für das Erleben. Alle Ebenen sind beseelt, beziehungsweise von beseelten Wesen erfüllt. Ein Lebewesen kann mehrere Daseinsebenen umfassen – wie etwa wir Menschen, die körperlich, dynamisch, seelisch und geistig gegenwärtig sein können. Und ein Wesen kann auf bestimmte Ebenen beschränkt sein – Engel beispielsweise treffen wir auf der physischen Ebene gewöhnlich nicht an und Pflanzen nicht auf der mentalen.

Die Ebenen des Daseins durchdringen und gestalten einander in einer bestimmten Ordnung, welche von den geistartigen Schichten zu den stärker manifestierten, bis hin zur materiellen, führt. Im Rahmen dieser Ordnung ist eine Erscheinung auf einer bestimmten Ebene immer von einer höher geordneten verursacht. Und diese "senkrechte" Verursachung gilt als die wesentliche, die der "horizontalen" Ursache (im Sinne des physikalischen Kausalitätsgesetzes) immer vorgeordnet ist. Es ist wichtig, sich dieses Grundprinzip klar zu machen, weil aus seiner Unkenntnis viele Mißverständnisse hervorgehen.

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Wir betrachten einen gewöhnlichen Computer, so wie er vor uns steht. Es setzt sich aus vielerlei Stoffen zusammen, aus Chips, Kabeln, Laufwerken und so weiter, die den Gesetzen der Physik unterliegen. Sie bilden die sogenannte Hardware des Computers. Die Chips dieser Hardware müssen dann mit einer Datensprache programmiert werden, die die unmittelbaren Funktionen der Maschine regelt, das Betriebssystem, ohne welches ein Computer nur ein Haufen Metall und Plastik wäre. Die Software, also diejenigen Programme, die uns als Anwender interessieren, können sich dann an das funktionierende Betriebssystem wenden. Die Gesetze, von denen diese drei Ebenen geregelt werden, haben untereinander keinerlei Ähnlichkeit. Die Flip-Flop-Schaltungen der Chips, auf denen sämtliche Computerfunktionen letztlich beruhen, werden von den Gesetzen der Halbleiterphysik und Elektronik bestimmt. Die Betriebssysteme haben eine recht einfache Grammatik zur Steuerung von solchen Flip-Flop-Einheiten, die dadurch zu Bits und Bytes und so weiter werden. Von den Elektronenströmen im Silicium weiß das Betriebssystem schon nichts mehr. Die eigentliche Software dann interessiert sich nicht für Bits und Maschinensprache, sondern verteilt Textbausteine, komponiert Musik oder erstellt Grafiken. Die Ordnung dieser Ebenen ist streng hierarchisch und läßt sich nur von "oben" nach "unten" verstehen. Wollte ich das Entstehen einer Grafik auf dem Bildschirm allein aus Sicht der Halbleitergesetze verstehen, wäre das ein unverständliches Wunder. Nur wenn ich weiß, daß es eine Software mit ihren eigenen grafischen Gesetzen und einen Programmierer gibt, der sich bei der Anwendung etwas gedacht hat, ergibt das Ganze einen Sinn. In einer ähnlichen Lage befinden sich diejenigen, die versuchen, die Entstehung des Lebens aus den Gesetzen der Physik zu erklären und dabei feststellen, daß das "zufällige" Zustandekommen von komplexen Aminosäurestrukturen im Kosmos extrem unwahrscheinlich ist. Ebenso wie die Entstehung von Gedichten auf meinem Bildschirm, wenn ich die Chips im Computer tausend Jahre sich selbst überlassen würde. Die Gesetze des Lebens benutzen diejenigen der Physik so, wie das Betriebssystem die Chips und ihre Transistoren. Und die geistigen Gesetze benutzen die des Lebens ebenso, wie ich meine sprachlichen Vorstellungen in ein Textverarbeitungsprogramm eingeben kann.

Dieses Beispiel macht deutlich, daß eine hierarchische Ordnung von ineinandergreifenden Gesetzmäßigkeiten niemals von "unten" her aufzurollen ist. Ein Gedicht auf dem Bildschirm kann ich nicht aus den Gesetzen der Halbleiterphysik ableiten, aber deshalb "widerspricht" es ihnen nicht.

Das vierte, das Gesetz des Mandala können wir auch als Gesetz der strukturierten Ganzheiten bezeichnen. Als ein Mandala bezeichnen wir nämlich eine symmetrisch unterteilte Kreisform, manchmal auch ein Quadrat. Wesentlich ist an der Form die Symmetrie und die Ganzheit. Alle Beschreibungen des Kosmos sind auf diese Weise angeordnet.

Das einfachste Grundmuster dieser Art ist die Vierheit der Elemente, die auch den vier Himmelsrichtungen zugeordnet werden und Kreisviertel bilden. Ein weiteres sehr typisches Muster, der Tierkreis, zeigt die Zwölfersymmetrie, die überhaupt häufig anzutreffen ist.

Das Gesetz des Mandala läßt sich als eine Erweiterung des Polaritätsgesetzes ansehen. Über die Bildung von Polaritäten und Symmetrien hinaus steht es vor allem für die unbedingte Wahrung der Ganzheit. Alle Strukturen des Kosmos neigen zur Bildung von Ganzheiten. In allen spontanen Bildern des Unbewußten, in allen Ritualen und Mythen der Menschheit treten solchen grafischen Ganzheiten, solche Mandalas, auf. Die Form des Mandala ist in der Tiefenpsychologie von C.G.Jung das bildhafte Ziel des gesamten menschlichen Entwicklungsprozesses, der Individuation, das höchste Symbol von Heilung und von Heil.

Über allem und alles umfassend gilt das Gesetz der Einheit. Die All-Einheit ist das höchste aller Prinzipien des Kosmos und Grundlage aller anderen. Aus der Einheit kommt alles und in sie geht alles zurück. Und nur auf der Basis dieser alles umfassenden Einheit sind die Symmetrien und Analogien sinnvoll zu begreifen. Die All-Verbundenheit ist notwendiger Teil der All-Einheit.

Auch diese Einheit ist wiederum nicht als Abstraktion zu verstehen, wie wir sie in der Philosophie finden. Die Einheit des Kosmos ist mystisch erfahrbar, und der Geist dieser Einheit, oft als Gottheit betrachtet, trägt Sinn und Intention in sich, ist somit intelligent in einem Ausmaß, welches unser Verstehen weit übersteigt.

Bedeutsam ist auch, daß diese Einheit allen Seins immer als eine dynamische verstanden und erfahren wird. Alles Sein ist in Bewegung und von dem lebendigen, dynamischen Geist der Einheit erfüllt.

Es gibt inzwischen Versuche, Teile dieser Welterklärung mit Hilfe von wissenschaftlichen Begriffen nachzuformulieren. In moderner Ausdrucksweise könnte man Mikro- und Makrokosmos in ihrer Einheit verstehen wie Teile einer Holografie: In jedem Bruchstück, nach David Bohm als holon bezeichnet, ist das Ganze schon vollständig erhalten. Diese modernste Version der geschilderten antiken Weltsicht wird als Holismus bezeichnet. Das biologische Konzept, welches dem Analogieprinzip am nächsten kommt, ist die Theorie der morphogenetischen Felder von Rupert Sheldrake. Sheldrakes und Bohms Theorien liegen aber weit außerhalb der heutigen Mainstream-Wissenschaft und sind keineswegs repräsentativ für die "neue Physik". Auch wenn ihnen die Tiefe und Geschlossenheit des alten Weltbildes fehlt, spürt man in ihnen die Suche nach einer Ganzheit der Welterklärung, welche mehr als nur den mechanistischen Zusammenhängen gerecht wird.

 

Eine andere Wirklichkeit II

Was für eine "Wirklichkeit" ist es konkret, die wir uns unter den bisher beschriebenen Gesetzen vorstellen können? Wie ist es, in dieser Wirklichkeit zu leben? Was unterscheidet sie von der Weltsicht, die wir kennen? Was bedeutet es, wenn die ganze Welt nach den gleichen Gesetzen funktioniert wie die Homöopathie?

Die wirkliche Welt ist derjenigen ähnlich, die wir als Kinder verlassen haben und die uns danach nur noch in Geschichten begegnet. Es ist eine Welt, die wir als eine verzauberte wahrnehmen, denn alles, was geschieht, hat uns auch etwas zu sagen (sonst würde es in unserem Leben ja nicht geschehen). Was unser Leben uns sagt, ist gewiß nicht immer angenehm – besonders dann nicht, wenn wir gerade krank sind –, aber das Leben spricht zu uns. Wir treten heraus aus der scheinbaren Bedeutungslosigkeit eines Molekülhaufens in einem leeren Universum. Die wirkliche Welt ist die des Geistes und unserer Seele, während die materielle, sichtbare Welt eine Manifestation derselben und entsprechend vorläufig und veränderbar ist.

Wir erfahren, daß die Vorgänge in unserem Unbewußten viel mehr mit unserer Gesundheit und dem Lauf unseres Schicksals zu tun haben, als unsere bewußten Pläne und Wünsche. Unser Tagesbewußtsein ist nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus unserem Wesen und hat nur mäßigen Einfluß auf unser Leben und unsere Welt. Unser Schicksal wird von anderen Kräften bestimmt, die keineswegs blind und zufällig sind, nur weil sie unserem Alltagsbewußtsein nicht unterstehen. Insofern werden wir sehr viel bescheidener. Die Kräfte, die an unserem Leben mitwirken, können wir beispielsweise in Träumen erleben. Oder wir suchen diese Tiefenschichten mittels Meditationen oder Phantasiereisen bewußt auf. Wir ziehen vielleicht ein Horoskop oder andere deutende Künste zu Rate, um uns Aufschluß über die Gefühle, Kräfte und Entwicklungen in unserem Leben zu verschaffen, die unserem Alltagsbewußtsein nicht zugänglich sind.

Alle Ereignisse sind sinnvoll in das Gewebe unseres Lebens und des Daseins verflochten, ob wir ihre Bedeutung sogleich erkennen oder erst später. Der Zufall als sinnlose Beliebigkeit von Ereignissen wäre eine absurde Annahme. Ebenso ist unser persönliches Leben so eng mit dem anderer Menschen und Wesen verbunden, daß das individualistische Konzept nicht weit trägt. Es gibt kein einzelnes Leid und keine einzelne Erlösung – wir sitzen alle in einem Boot. Sowenig mein Körper begrenzt ist, wenn ich physikalisch genau hinschaue, und so wie ich jetzt die Moleküle einatme, die soeben der Mensch neben mir ausgeatmet hat, so sind auch meine Persönlichkeit und meine Seele nicht begrenzt und vereinzelt, sondern Teil eines umfassenden Gewebes. Und da all dieses einen Sinn hat, sind auch die Pläne und Wünsche meines Alltagsbewußtseins in einen viel größeren Zusammenhang eingebunden, welcher für meine kleine Übersicht nicht planbar und nicht begreifbar ist.

Viele Eigenschaften der anderen Weltsicht erleben wir, wenn wir schwer krank sind: Unsere Beziehungen tragen uns und werden wichtig; unsere Leistungen zählen wenig, und unser Geld hat begrenzten Nutzen. Eine hoffnungsvolle Geste wiegt mehr als alle Statistiken. Die Wärme einer Hand tut uns wohler als Schläuche und Tabletten. Solche Wahrnehmungen sind nicht "subjektiv" und "nebensächlich", sondern sie zeigen uns die wirkliche Welt. In schwerer Krankheit wachen wir auf aus dem Alptraum von Maschinen, Geld, Autos und Macht, von Leistung, Druck, Geschwindigkeit, Präzision, Uhrzeit und Akten. Wir wachen auf in einer Welt, die aus Menschen, Körpern und Gefühlen besteht, die warm und veränderlich ist, schmerzhaft vielleicht, aber lebendig und bedeutungsvoll. Wir spüren, was uns wichtig und was uns unwichtig ist, wen wir gern um uns haben und wen nicht.

Die Weisheit des selbst Erfahrenen zählt mehr als erlernte Kenntnisse, Vertrauen wiegt mehr als äußere Macht, echte Gefühle sagen uns Wesentlicheres über die Welt als Theorien, das Gespür für den Gang unseres Schicksals bringt uns weiter als unsere bewußten Pläne, der begriffliche Inhalt unserer Worte ist nicht so wichtig wie die in ihnen mitschwingenden Kräfte, und wie wir in unseren Träumen handeln, kann wichtiger sein als die Tätigkeiten am Tage. – Unsere Kultur, unsere Schulen und Ausbildungen bereiten uns schlecht vor auf die eigentliche Wirklichkeit. Deshalb scheuen viele Menschen sie und bleiben lieber in dem relativen Trancezustand unseres Alltagsbewußtsein. Das macht unsere Kultur insgesamt unflexibel und eng und führt dazu, daß wir den Anforderungen der Wirklichkeit nicht gewachsen sind und dadurch das Gewebe des Lebens verletzen.

Das Erweiterung des Bewußtseins aus der Alltagstrance zu einer größeren Wirklichkeit geschieht häufig durch aufrüttelnde Erfahrungen, wobei wohl schwere Krankheiten die häufigste sind. Nahtoderlebnisse, Tod von Angehörigen, Drogenerfahrungen, religiöse Spontanerlebnisse, Begegnungen mit anderen Kulturen oder innere Krisen können andere Wachmacher sein. Ganz gleich auf welchen Wegen kommend, öffnen wir uns alle der gleichen Wirklichkeit. Insofern kann eine schwere Krankheit und der Kontakt mit einer ganzheitlichen Heilung uns für immer verändern.

 

 

"Aber auch in dem, was allgemein als "ein Zufall" bezeichnet wird oder in Situationen, die sich im Leben wiederholen, begegnet uns das Ähnlichkeitsgesetz. Hier können wir dem folgen, was C.G. Jung sagt, wenn er meint, daß uns im Außen das begegnet, was wir im Innern nicht annehmen wollen. (...) An dieser Stelle ist es wichtig, sich klar zu machen, daß dieses Ähnlichkeitsgesetz kein zufälliges Produkt einer Heilkunst ist, sondern ein universelles Beziehungs-Gesetz."

Homöopathie und ihre geistigen Wurzeln in der Alchimie

In die geschilderte ganzheitliche Auffassung der Wirklichkeit scheint die Homöopathie nahtlos hineinzupassen. Die Grundgesetze der Hermetik, der "ewigen Philosophie" oder der Alchimie haben wir oben zusammengefaßt als das Gesetz der Analogie, das Gesetz der Polarität, das Gesetz der Daseinsebenen, das Gesetz des Mandala und das Gesetz der Einheit. Bezogen auf die Homöopathie sieht das so aus:

1) Das homöopathische Ähnlichkeitsgesetz ist nichts anderes als eine spezialisierte Fassung des universellen Gesetzes der Analogie, Entsprechung oder Resonanz. Interessant ist, daß Hahnemann – anders als die Menschen der Antike – eine gewaltige Fülle genauer Beobachtungen zur Bestätigung des Analogie- oder Simile-Gesetzes gesammelt, geordnet und aufgeschrieben hat. Darin erwies er sich bereits als ein Mensch der Moderne und ein wichtiger Vorläufer der wissenschaftlichen Medizin.

2) Das Gesetz der Polaritäten zeigt sich in der Homöopathie in Form der Primär- und Sekundärreaktionen auf Mittelgaben, die genau gegensätzlich zueinander verlaufen und in der Verordnungspraxis als Erstreaktion, Unterdrückung usw auftauchen. Auch in vielen Arzneimittelbildern läßt sich dieses polare Grundprinzip feststellen, indem sie eine Reihe genau gegenteiliger Eigenschaften aufweisen.

3) Die Auffassung, daß die Welt verschiedene Daseinsebenen beinhaltet, die sich durchdringen und beeinflussen, liegt allen Gedanken Hahnemanns zugrunde. Nehmen wir einen exemplarischen Satz aus dem Organon (§ 9): "Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autocratie) unumschränkt und hält alle seine Teile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange, in Gefühlen und Tätigkeiten, so daß unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unseres Daseins bedienen kann."

Hier sehen wir den Menschen bestehend aus dem materiellen Körper, der – solange er lebt – von der Dynamis belebt wird, so daß beide Werkzeug des Geistes sein können, welcher wiederum einem höheren Zwecke untersteht. Es lag nie in Hahnemanns Interesse, weltanschauliche Aspekte näher auszuformulieren, und er hat ihnen keine quasi-religiösen Deutungen gegeben. Er war Arzt und nicht Esoteriker, doch läßt er keinen Zweifel an seinem Welt- und Menschenbild.

Auch bei der Erläuterung des Prinzips der Potenzierung begegnet uns die Notwendigkeit, das Wesenhafte einer Substanz von ihrer Stofflichkeit trennen zu können. Darauf weist Hahnemann immer wieder hin und stellt sich mit diesem Vorhaben – das Wesen und die materielle Substanz im Labor zu trennen – eindeutig in die Tradition der Alchimie, wenn auch das von ihm verwendete Verfahren neu zu sein scheint. Das Potenzieren mit dem abwechselnden Verdünnen und Verschütteln entspricht dabei dem alchimistischen "Erhöhen" einer Substanz durch abwechselndes Destillieren und Kondensieren. Und wenn wir bei Hahnemann lesen, wie sich durch den Vorgang des Potenzierens das eigentliche Wesen einer Arznei aus dem Materiellen hervorhebt und deutlicher wird, erinnert dies fast zwingend an die alchimistischen Beschreibungen von der Reifung der Materie durch die alchimistische Kunst: "Ungemein wahrscheinlich wird es hierdurch, daß die Materie mittels solcher Dynamisation (Entwicklung ihres wahren, inneren, arzneilichen Wesens) sich zuletzt gänzlich in ihr individuelles geistartiges Wesen auflöse und daher in ihrem rohen Zustande, eigentlich nur als aus diesem unentwickelten, geistartigen Wesen bestehend betrachtet werden könne." (Hahnemann, Organon, § 270, Anm. 7) Und "Arznei-Stoffe sind nicht tote Substanzen in gewöhnlichem Sinne; vielmehr ist ihr wahres Wesen bloß dynamisch geistig - ist lautere Kraft ..." (Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, 6. Teil, S.11)

Hahnemann hat das Wesen der Krankheit als ein nicht-materielles verstanden, als eine Kraft (er nannte es "Potenz"), welche auf der Ebene der Lebenskraft, der Dynamis vorhanden war. Mehrfach betonte er, daß im physischen, materiellen Körper nichts davon zu finden und dieser ganz anderen Gesetzen unterworfen sei. So hat es eine klare Logik, daß auch das Heilmittel nicht auf der materiellen Ebene ansetzen kann. Krankheitspotenz und Arznei-Potenz begegnen sich auf der gleichen Ebene, die von Hahnemann teils als dynamische, teils als wesenhafte oder geistige bezeichnet wird. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich, daß dem Menschen wie auch der Natur insgesamt eine Daseinsebene zugesprochen werden muß, welche nicht materiellen Wesens ist. Von dieser Ebene gehen die wesentlichen Lebensimpulse aus, auch Krankheiten und Heilungen. Die materielle Ebene ist nur die Wirkungssphäre, ein äußerer Spiegel des eigentlich unsichtbaren Geschehens. Ein solches Konzept hat in der naturwissenschaftlichen Denkweise und in den naturwissenschaftlichen Theorien keinen Platz und keinen Sinn.

Es gibt zwar eine Reihe Versuche, die homöopathischen Thesen in kybernetische Selbstregulationsgeschehen oder in systemtheoretische Begriffe zu übersetzen. Doch dabei geht stets Grundlegendes verloren. Hahnemann hat sehr deutlich gesagt, was er gemeint hat. Und wir können seine Gedanken und Forschungen auch gut verstehen, wenn wir ein dazu passendes Weltbild anwenden und nicht versuchen, die Homöopathie irgendwie in unser gewohntes Denken hinein zu verbiegen.

4) Das Gesetz des Mandala oder der symmetrisch strukturierten Ganzheiten ist dasjenige, welches in der Homöopathie am wenigsten umgesetzt ist. Hahnemanns jahrzehntelange Verweigerung jeglicher Spekulation oder umfassender Theoriebildung führte dazu, daß er zwar eine immense Fülle an Analogiebeziehungen zwischen Menschen, Charakteren, Krankheiten und Natursubstanzen gesammelt und dokumentiert hat, diese jedoch nie sinnvoll ordnen konnte. Erst im höheren Alter machte er mit seiner Miasmentheorie einen Versuch, die menschlichen Krankheitserscheinungen wie auch die homöopathischen Arzneimittel drei Grundkrankheiten zu unterstellen, den sogenannten "Miasmen" Psora, Sykosis und Syphilis. Spätere Generationen HomöopathInnen haben nicht aufgehört, über dieses Problem zu diskutieren und immer neue Ordnungssysteme zu erfinden. Sie gesellten zu Hahnemanns drei Miasmen noch das tuberkulinische als viertes, worin wir dann mühelos die vier Elemente Feuer (Syphilis), Luft (Tuberkulose), Wasser (Sykose) und Erde (Psora) wiedererkennen; oder sie benutzten das Periodensystem der chemischen Elemente als Ordnungsprinzip oder die Naturreiche der Minerale, Pflanzen und Tiere. Keine dieser Ordnungen konnte sich bisher durchsetzen, und das Problem muß als noch ungelöst einer weiteren Generation HomöopathInnen harren.

Der Grund für diese Skepsis Hahnemanns und vieler seiner NachfolgerInnen bezüglich analoger Ordnungssysteme beruhte darauf, daß zu seiner Zeit der Umgang mit den Analogieprinzipien in Form der Signaturenlehre und der weit verbreiteten Humoralpathologie (der Lehre von den Temperamenten und Säften) sehr heruntergekommen war und nur noch als halb- oder unverstandenes Relikt auf der Basis antiker Schriften praktiziert wurde – auch zum Nachteil der PatientInnen, wie Hahnemann immer wieder feststellen mußte. Er lehnte dann nicht nur den Mißbrauch sondern auch die Methode selbst ab. Innerhalb seiner Lebenszeit kam er nicht mehr zu dem Schluß, daß er hier wohl das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat. Mit der Miasmentheorie hat er zwar versucht, auf spekulativem Wege wiederzugewinnen, was er von der Tradition verloren hatte, doch ist der Versuch im Ansatz steckengeblieben.

Es erweist sich als vorteilhaft, eine Methode (die Homöopathie) auf ein umfassenderes System (das hermetische Weltbild) zu beziehen, um strukturelle Lücken der Methode zu entdecken und aufarbeiten zu können. Die ganzheitlichen Systeme des Weltverständnisses haben eine Vollständigkeit in sich, da sie immer die Aufteilung der Einheit repräsentieren.

5) Die alles umfassende Einheit des Seins ist ein weltanschauliches Grundprinzip so allgemeiner Art, daß sich in der Medizin keine konkrete Ausformung desselben finden läßt. Aber es dürfte aus den bisherigen Punkten deutlich geworden sein, daß die Homöopathie und ihre typischen Gesetzmäßigkeiten ohne dieses Grunderleben einer Einheit des Daseins nicht denkbar sind.

 

Um das Gesagte noch einmal anders zu formulieren: Die Wirkung eines homöopathischen Mittels beruht darauf, daß es universelle Muster in der Natur gibt, nennen wir sie nun Archetypen, Ideen, morphogenetische Felder, Geister oder wie auch immer. Diese Muster bestimmen alles Geschehen auf allen Ebenen Die geistigen Muster lassen sich als äußere Substanzen manifestieren oder in solchen darstellen – das ist das Anliegen der Alchimie wie der homöopathischen Arzneimittelbereitung. Die Aufgabe der homöopathischen Behandlung besteht darin, dieses Muster in seiner krankmachenden Gestalt aufzufinden, es zu benennen und für eine Begegnung mit dem gleichen Prinzip in Form einer Arznei zu sorgen.

Früher wurde Krankheit so beschrieben, daß ein böser Geist Gewalt über den Zustand eines Menschen bekommen hatte. Heilung beruhte darauf, diesen Geist zu erkennen und zu benennen. Wenn man den Namen eines Geistes kannte – modern gesprochen: wenn man das kränkende Muster identifizieren und benennen kann –, dann hatte er seine Macht verloren.

Die Tiefenpsychologie und auch die Astrologie arbeiten nach dem gleichen Prinzip. Zur tiefenpsychologischen Arbeit gehört das Erkennen von archetypischen Grundmustern im Verhalten, in Phantasien und Träumen von Menschen, ihre Bewußtmachung und weitere Entwicklung zu Mustern, die eine Ganzheit ausdrücken. Diese archetypischen Muster finden sich in der individuellen Psyche ebenso wie in der kollektiven, das heißt in kulturellen Zeugnissen. Die Astrologie benennt die Verhaltens- und Wahrnehmungsmuster von Menschen mit Hilfe der überlieferten Tierkreiszeichen- und Planetensymbolik. Heilung und seelische Entwicklung finden durch Erkenntnis dieser komplexen Symbolmuster statt. Ganzheitliche Körpertherapien, wie die Craniosakraltherapie, die Osteopathie oder die bioenergetischen Methoden, suchen die geistigen Muster hauptsächlich in ihrer körperlichen Bindung und lösen sie auf dieser Ebene. Dabei werden oft zugehörige Gefühle, Bilder oder Erinnerungen freigesetzt, aber der Schwerpunkt liegt nicht bei der mentalen Bearbeitung.

Das Besondere am homöopathischen Ansatz ist die konsequente Einbeziehung der körperlichen und der mentalen Ebene: "Körper und Geist sind wie zwei unterschiedliche, doch in einer Wechselbeziehung zueinander stehende, sich ergänzende Bühnen, auf denen die gleiche, richtunggebende Kraft, die Individualität, das gleiche Stück aufführt, nur sozusagen in zwei verschiedenen Sprachen." In der Homöopathie gilt es, diese beiden Sprachen in Einklang zu bringen und ihr gemeinsames Muster zu verstehen.

Die therapeutische Arbeit in den hier geschilderten Zusammenhängen erfordert ein Umdenken in den angewendeten Konzepten und die Entwicklung eines (für uns) neuen Vertrauens in diese Gesetzmäßigkeiten. Das Denken in mechanistischen Kategorien und Sachzwängen, in schulmedizinischen Krankheitsbegriffen und –abläufen, in Theorien von Erregern und Ansteckungen, von Chemie und Substanz ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, daß es dauern kann, bis wir uns auf eine ganzheitliche Welt- und Therapievorstellung wirklich einlassen können.

Das wichtigste Prinzip dabei ist, daß wir der Ordnung der Daseinsebenen folgen und davon ausgehen, daß die stoffliche Struktur immer dem Fluß der Energie folgt. Die Lebensenergie ist nicht etwas, das im materiellen Körper fließt wie das Blut oder die Lymphe; vielmehr ist sie die formgebende geistige Struktur, in welche die Materie eingebettet ist. Wie Meister Eckhart sagte, ist nicht die Seele im Körper, sondern der Körper in der Seele.

Was bedeutet die Anerkennung der hermetischen Weltsicht in der therapeutischen Arbeit sonst? Zum Beispiel die Polarität: Jede Lebenssituation stellt eine Ganzheit dar, und ich kann immer davon ausgehen, daß es zu allem, was ich unmittelbar wahrnehme, einen Gegenpol gibt, der zur Wahrheit des Ganzen gehört. Wenn etwa ein Patient seine Beziehung ausschließlich als Opfer erlebt, dann wird im Verlauf der Therapie auch die Gegenkraft, die Täterschaft, auftauchen. Wenn jemand sehr depressiv erscheint, dann kann ich im Laufe des Heilungsprozesses mit einer Phase heftiger Aggressionen rechnen, und so weiter. Ist mir dies bewußt, dann weiß ich, daß ich als Therapeut nichts davon herbeiführen muß. Der therapeutische Prozeß lebt von dieser natürlichen Gesetzmäßigkeit, und ich kann dies begleiten und bewußt machen.

Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit den homöopathischen Arzneimitteln, mit den Globuli. Stelle ich mir ein homöopathisches Arzneimittel im Prinzip wie ein Medikament vor, so ergeben sich etliche Paradoxien und Probleme, nicht nur mit der hohen Verdünnung. Zum Beispiel werden im Zuge jeder homöopathischen Potenzierung, dem abwechselnden Verreiben, Verdünnen und Verschütteln einer bestimmten Ausgangssubstanz in Milchzucker und Alkohol-Wasser-Gemisch, auch bei größter Sorgfalt und höchster Sauberkeit des Labors unzählige Verunreinigungen der Geräte, der Ausgangssubstanz, der Laborluft, der Atemluft des Laboranten und der Lösungsmittel mit verschüttelt und weiter potenziert. Und selbst wenn wir dies nicht in Betracht ziehen, so wird doch prinzipiell bei jeder Potenzierung immer der Milchzucker mit potenziert und müßte seine Spuren in jedem bekannten Arzneimittelbild hinterlassen haben. – Woher "weiß" die homöopathische Potenz, auf welchen der vielen Stoffe in dem verriebenen und verschüttelten Gemisch es ankommt? Wie läßt sich bei Potenzhöhen, die jenseits des Stofflichen liegen, noch der ursprüngliche "Klang" vom "Rauschen" unterscheiden, das mit verstärkt worden ist? Es gibt dafür im mechanistischen Denken keine sinnvollen Erklärungen. Wir müssen den geistigen Sprung wagen und die Wirkungen mit dem Hauptprinzip der Magie erklären: Intention ist (fast) alles! Ein Mittel wird zu dem, was der oder die Herstellende will und sich vorstellt. Damit sind wir konsequent bei der für die alchimistische Arbeit typischen untrennbaren Verquickung von Laborarbeit und Seelenarbeit, von (al)chimistischen Kenntnissen und geschulter Willens- und Vorstellungskraft. Die Kunst in der Alchimie wie in der Homöopathie besteht nun darin, den Balanceakt zwischen dem inneren Prozeß und der technischen Fertigkeit zu bewältigen. Beide Aspekte sind gleichermaßen notwendig, keiner läßt sich durch den anderen aufheben. Auch die Homöopathie läßt sich weder allein mit dem Computer noch allein mit der Intuition bewerkstelligen. Der Idealfall ist, wenn das Handwerkszeug so souverän beherrscht wird, daß die Aufmerksamkeit ganz für die seelischen Bewegungen frei sein kann.

Die vielleicht wichtigste Einsicht aus der hermetischen Weltsicht für die Behandlung ist, daß wir als TherapeutInnen immer mit den PatientInnen in einem Boot sitzen. Das Gefälle der "Halbgötter in Weiß" zu ihren Patienten oder die psychotherapeutische "Abstinenz" sind als Versuche, objektive Positionen gegenüber anderen Menschen einzunehmen, illusionär und müssen scheitern. Alle Beteiligten eines Systems wie einer Familie, einer Arbeitsgemeinschaft, einer Therapiesituation sind stets auf vielen Ebenen eng miteinander verflochten und haben an der gleichen Dynamik teil, spiegeln sich gegenseitig. Viele TherapeutInnen kennen das Phänomen, daß während eigener Krisen zahlreich die PatientInnen mit ähnlichen Problemen kommen. Auch hier gelten die Volksweisheiten, daß Gleiches sich zu Gleichem gesellt und Gegensätze sich anziehen, was für uns HomöopathInnen bedeutet: Similia similibus curentur.

 

Naturwissenschaft und Homöopathie

Es bleibt noch die Frage, welches Verhältnis eine derartige alchimistisch und hermetisch bestimmte Homöopathie zur Schulwissenschaft haben kann.

Das Verhaltnis von Homöopathie und Wissenschaft ist insofern schwer zu bestimmen, als wir mit dem Wort "Wissenschaft" gewöhnlich nur eine bestimmte, historisch junge Form des menschlichen Wissens meinen. Die Homöopathie erfüllt offenbar alle Kriterien der Wissenschaftlichkeit: Sie beobachtet systematisch; sie verarbeitet alle angesammelten Erkenntnisse und vergleicht sie fortwährend mit älteren Daten; sie vergleicht und systematisiert ständig die Arbeitsergebnisse aller Beteiligten und überprüft diese unentwegt anhand von neuen Beobachtungen; sie unterliegt ständiger Selbstkritik und –kontrolle durch praktische Anwendung der Ergebnisse und auch durch internationalen Austausch der forschenden und der anwendenden HomöopathInnen. Aber sie paßt nicht in das System der derzeitigen mechanistischen Naturwissenschaften, weil sie sich aus deren Annahmen über die Welt nicht herleiten läßt. Sie ist Teil einer anderen Art Wissenschaft mit anderen Voraussetzungen und anderen Vorgehensweisen. Verschiedene Weltanschauungen bringen aber unterschiedliche Wissenschaften hervor, die die Welt auf unterschiedlich Art richtig beschreiben.

Ein verbreitetes Klischee ist, daß homöopathische Wirkungen den modernen naturwissenschaftlichen Gesetzen widersprechen würden – etwa durch die Höhe der Potenzierungen, der berühmte Tropfen in den Bodensee. Das ist jedoch nicht der Fall und beruht auf einem grundlegenden Mißverständnis dessen, was die Naturwissenschaften ausmacht. Eine Tatsache oder Beobachtung kann von vornherein niemals einer Wissenschaft widersprechen, weil Wissenschaften dazu da sind, die beobachtete Wirklichkeit zu erklären, nicht aber zu bestimmen, was wirklich sein kann und was nicht. Ein sehr schönes Beispiel falschen Wissenschaftsverständnisses gibt uns Brecht in seinem Drama über Galilei (4.Bild). Galilei fordert die Gelehrten auf, doch durch sein Fernrohr zu schauen und sich selbst von der Existenz der Jupitermonde zu überzeugen. Diese weigern sich mit dem Argument, daß das bekannte Modell von der Welt deren Existenz für unmöglich erkläre.

Ähnlich wird heute im Namen der Wissenschaft gegen die Homöopathie oder andere Erscheinungen argumentiert, die sich nicht mechanistisch erklären lassen. Tatsächlich vermag die derzeitige mechanistische Naturwissenschaft die Beobachtungen und Vorgehensweisen der homöopathischen Methode nicht befriedigend zu erklären. Aber darin liegt kein Widerspruch und kein Problem der Naturwissenschaft oder der Homöopathie. Im Gegensatz zu metaphysischen Annahmen kann sich eine wissenschaftliche Theorie grundsätzlich nicht auf die ganze Welt beziehen, sondern nur auf ein klar begrenztes Teilgebiet. Außerhalb dieses Geltungsbereiches sind Aussagen der betreffenden Wissenschaft sinnlos. Wir lernen gewöhnlich nicht, wo diese Grenzen liegen; sondern es herrscht die unausgesprochene Überzeugung vor, sie ließen sich beliebig hinausschieben, bis schließlich die Schulwissenschaft alles erklären könne.

Innerhalb ihres jeweiligen Geltungsbereiches sind die Aussagen unserer modernen Naturwissenschaften richtig und wertvoll; und kein Homöopath könnte ihnen aufgrund seiner Erfahrungen widersprechen. Die homöopathischen Zusammenhänge liegen jedoch nicht in diesem Zuständigkeitsbereich und können der mechanistischen Schulwissenschaft deshalb nicht widersprechen. Es gibt hier keinen Widerspruch, sondern zwei grundsätzlich verschiedene Ordnungen in unterschiedlichen Daseinsebenen.

Heilung steht zur Funktion gewisser Gewebe im gleichen Verhältnis wie die Liebe zu gewissen hormonellen Schwankungen. Ich kann zwar feststellen, daß Heilung oder Liebe typische physische Begleiterscheinungen haben, doch lassen sie sich aus diesen physischen Erscheinungen heraus nicht erklären. Insofern ist Heilung in ihrer Überprüfbarkeit und schulwissenschaftlichen Erklärbarkeit gut mit der Liebe zu vergleichen. Es handelt sich um ein bekanntes Phänomen, dessen Wesen sich nicht wissenschaftlich begreifen läßt. Und auch die Liebe läßt sich unter Laborbedingungen oder in Doppelblindstudien nicht reproduzieren. Doch würde niemand daran zweifeln, daß es sie gibt. Die Liebe, das Schicksal, die Heilung und der Tod werden immer Phänomene bleiben, die sich in ihrem Wesen dem wissenschaftlichen Zugriff entziehen.

"Da dieses Naturheilgesetz sich in allen reinen Versuchen und allen echten Erfahrungen der Welt beurkundet, die Tatsache also besteht, so kommt auf die scientifische Erklärung, wie dies zugehe, wenig an und ich setze wenig Wert darauf, dergleichen zu versuchen. Doch bewährt sich folgende Ansicht als die wahrscheinlichste, da [sie] sich auf lauter Erfahrungs-Prämissen gründet." (§ 28 - Organon)

Die Homöopathie behandelt nicht mit verbalen Erklärungen oder rein geistigen Einflußnahmen, sondern mit sogenannten Arzneimitteln, also materiellen Trägern. Das wirft natürlich immer wieder die Frage auf, was denn physikalisch oder chemisch bei einer solchen Medikamentengabe geschieht. In den Hochpotenzen der homöopathischen Arzneimittel ist ja chemisch keine Ausgangssubstanz nachweisbar. Über die Auswirkungen des Verschüttelns und Verdünnens gibt es deshalb eine Reihe von Untersuchungen und Überlegungen.

Physikalisch am besten ausgearbeitet sind die Modelle, die die Weitergabe der homöopathischen Information über ein "Gedächtnis des Wassers" zu erklären versuchen. Wassermoleküle sollen über die natürliche Eigenschaft verfügen, Molekül-Cluster zu bilden, die sehr komplex und hochdifferenziert sind (ähnlich Schneekristallen) und die physikalisch lange Bestand haben. Wie eine Informationsmatrix könnten diese sich durch das rhythmische Verschütteln in der Lösung vervielfältigen und ausdifferenzieren. Milchzucker und Alkohol sind ebenso wie Wasser stark dipolare Moleküle, die über ähnliche Eigenschaften verfügen könnten.

Selbst in naturwissenschaftlich kundigen und genau gearbeiteten Büchern, wie zum Beispiel dem von Resch und Gutmann, finden sich nur physikalische Modelle, die sich als materielle Grundlage der Homöopathie eignen könnten. Doch schon innerhalb der Physik haben solche Modelle hypothetischen Charakter und bewegen sich am Rand oder über den Rand des derzeitigen Wissensstandes hinaus. Ob sich homöopathische Gesetzmäßigkeiten an diese Modelle werden anlehnen können, wenn mehr darüber bekannt ist, bleibt offen und spekulativ.

In Anlehnung an unsere physikalischen Denkgewohnheiten haben sich im zwanzigsten Jahrhundert für alle möglichen nicht-physikalischen Zusammenhänge physikalische Metaphern als Erklärungshilfen gebildet. So wurden parapsychische Phänomene (Telepathie, Spuk usw) mit Hilfe von sogenannten "Psi"-Energien, mit Wellen und Neutrinoströmen zu erklären versucht. Die unterschiedlichen Qualitäten auf dem Erdboden und in der Landschaft bezeichnete man mit Erd"strahlen" oder "Netzgitterlinien". Die Bildung von Metaphern, um Neues und Fremdes mit Hilfe bekannter Strukturen zu deuten, ist üblich und legitim. Wir müssen nur vermeiden, solche Metaphorik mit wissenschaftlichen Aussagen zu verwechseln. Die "Energien", "Schwingungen" oder "Resonanzen", von denen in diesem Bereich die Rede ist, haben mit dem physikalischen Energiebegriff zunächst einmal nichts zu tun. Dieser ist eine Rechengröße innerhalb eines Systems von mathematischen Formeln, und die Quantifizierbarkeit gehört zum Wesen dieser Begriffsbildung ebenso wie eindeutige Meßeinheiten. Metaphern weisen dies natürlich nicht auf. Sie können einen anschaulichen Wert haben, haben aber mit wissenschaftlichen Überlegungen nichts zu tun.

Abgesehen von der mangelnden physikalischen Basis, impliziert der Energiebegriff vieles, was sich in der homöopathischen Anwendung nicht wiederfinden läßt. Zum Beispiel müßte mehr Energie auch mehr Wirkung hervorbringen und somit die Wirkung eines Mittels stark von der Anzahl der eingenommenen Globuli abhängen, was aber nicht der Fall ist. Eine C 30 müßte dann zehnmal schwächer oder stärker sein als eine C 3, was ebenfalls nicht der Fall ist. Wenn wir schon eine physikalische Metapher verwenden wollen, dann läge die des Feldes näher (obwohl auch hier die Feldstärke und der Vektorcharakter eines Feldes sich nicht sinnvoll einordnen lassen).

Besser lassen wir die mißverständliche und unschöne pseudo-physikalische Begriffsbildung fallen und reden – wie Hahnemann – vom Geist oder Wesen eines Mittels. Mag sein, daß sich eines Tages nachweisen läßt, auf welche physikalische Weise Struktureigenschaften der Ausgangssubstanzen in den Trägerstoffen (Wasser, Alkohol, Milchzucker) weitergegeben werden. Das wäre gewiß faszinierend, würde aber homöopathisch nichts erklären.

Eine interessante andere Verbindung der Homöopathie zur modernen Naturwissenschaft ist, daß sie in gewisser Weise als Vorläuferin der modernen naturwissenschaftlichen Medizin gelten kann. Dies bezieht sich auf die medizinische Erkenntnismethode mittels genauer Beobachtung am kranken Menschen. Zwar stellte schon Paracelsus Beobachtungen am Krankenbett an, war damit aber seiner Zeit so weit voraus, daß dieses Vorgehen keine weiteren Nachahmer fand. Erst in Hahnemanns Zeit wurden konkrete Beobachtungen in der klinischen Praxis sowie experimentell gewonnene Erkenntnisse (die Arzneimittelprüfungen an Gesunden) systematisch verbunden und daraus Gesetzmäßigkeiten abgeleitet. Dies ist der Idealfall einer induktiv vorgehenden Naturwissenschaft und die theoretische Basis der heutigen mechanistischen Schulmedizin.

Innerhalb der wissenschaftlichen Medizin ist Samuel Hahnemann tatsächlich einer der Vorreiter der experimentellen und systematisch beobachtenden Methodik. Fairerweise muß man jedoch sagen, daß er damit – in paracelsischer Tradition – nur einen tragischen Tiefstand der europäischen Wissenschaft überwinden half. In der arabischen Welt gab es schon lange eine bessere Medizin, und vor der akademischen Ärztemedizin hatte es auch in Europa stets eine Fülle von Heilweisen im Volke gegeben, die – neben gewissen abergläubischen Elementen – auf konkreten Erfahrungen vieler Jahrhunderte beruhten. An diese alten und uralten Überlieferungen möchten wir mit dem folgenden Kapitel den Anschluß suchen. Denn auch hier greift die moderne Homöopathie ältestes Wissensgut der Menschheit auf.