Was ist Homöopathie?
Auszug aus Teil I des Buches
"Die andere Wirklichkeit der Homöopathie" von Jörg Wichmann
Wege der homöopathischen Heilung
Gesundheit ist die Fähigkeit, in einer ungesunden Situation Symptome zu entwickeln
und daraus zu lernen, las ich letztens.
Dieser Satz gibt gut die Einstellung der Homöopathie zu Gesundheit und Krankheit wieder.
Wenn Sie zu einem Homöopathen in Behandlung gehen, wird Ihnen das auch als erstes
auffallen: Er (oder sie) wird sich sehr für Ihre Symptome interessieren, für Ihr eigenes
Erleben. Die medizinische Diagnose spielt dabei meist eine untergeordnete Rolle. Vielmehr
lernen Sie als homöopathischer Patient, sich selbst sehr genau zu beobachten, welche
Veränderungen Ihres Befindens unter welchen Umständen auftreten, wann sie besser oder
schlechter werden, welche Vorlieben oder Abneigungen Sie verspüren, wie Ihre Gefühle und
Ihre Träume auf ihr Leben reagieren. Aus all diesen Informationen ergibt sich für
homöopathische BehandlerInnen ein Gesamtbild, auf dessen Grundlage sie ein Arzneimittel
verordnen können. Es geht also darum zu verstehen, wie Sie als ganze Person, Ihr Gemüt
und Ihr Organismus auf die Situationen Ihres Lebens reagieren. Krankheit ist eine
mögliche Reaktion auf die Anforderungen des Lebens und ebenso individuell wie alle
anderen Verhaltensmuster, die jemand zeigen kann. Jeder Mensch arbeitet, ißt, schläft,
lacht, liebt, schimpft und läuft auf seine typische Art und Weise. Aber ein so
kompliziertes Geschehen wie eine Krankheit glauben wir mit einem einfachen Etikett
zusammenfassen zu können. Hundert kranke Menschen mit höchst unterschiedlichen
körperlichen und seelischen Zuständen "haben Rheuma" und erhalten, je nach
Schweregrad, eines oder mehrere typische Medikamente. Ihre persönliche Geschichte und
ihre je eigene Art, daran zu leiden, wird günstigenfalls von einem aufmerksamen Arzt am
Rande wahrgenommen, meistens aber einfach übergangen und für das "Rheuma" für
unwichtig gehalten.
Die erste und vielleicht wichtigste Botschaft des homöopathischen Behandlers an die PatientInnen ist: Ich nehme Sie und Ihren Zustand, Ihr eigenes Erleben und Ihre ganze Geschichte ernst, jede Einzelheit davon, so wie Sie es selbst erlebt und erlitten haben. Ich höre mir alles in Ruhe an, ohne etwas zu bewerten oder umzudeuten. Bei dieser Therapieform sind Sie selbst als ganze Person gefragt und gefordert. Es geht um Sie, um Ihr Leben und Ihre einzigartige Weise, krank zu sein, zu leiden, gesund zu werden und Ihr Dasein zu gestalten. Die Therapie kann Sie in der Ihnen eigenen Kraft fördern und unterstützen und Sie einladen, Ihre Krankheit als eine Gelegenheit zu größerer Selbsterkenntnis zu nutzen und Ihren Weg gestärkt und geheilt weiter zu gehen. Die homöopathische Behandlung gibt den Impuls und weist einen Weg. Sie selbst gehen ihn aus eigener Kraft heraus.
Arzneimittel und Ähnlichkeit das Simileprinzip
Die Verordnung eines homöopathischen Mittels ist der Akt, auf den meistens die ganze Aufmerksamkeit gerichtet ist sowohl seitens der PatientInnen als auch in der homöopathischen Ausbildung. Sie bildet einen wesentlichen Teil, aber eben nur einen Teil des umfassenden Konzeptes der Homöopathie, den Menschen und das Leben zu betrachten. Da das homöopathische Arzneimittel allgemein der Ausgangspunkt vieler Diskussionen um diese Therapieform ist, wollen wir unsere Begehung der homöopathischen Wege auch damit beginnen.
Gemäß der individuellen Betrachtungsweise wird, wie oben angedeutet, innerhalb der Homöopathie ein Arzneimittel nicht im Hinblick auf eine bestimmte Krankheitsdiagnose verordnet, sondern in größtmöglicher Ähnlichkeit zum Wesen des Patienten, bzw. der Patientin und zum Wesen ihrer Erkrankung. "Similia similibus curentur" Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt, so lautet das sogenannte Ähnlichkeitsgesetz oder Simile-Prinzip. Mit dieser Ähnlichkeit ist gemeint, daß eine Substanz in homöopathischer Bearbeitung (dazu später) einen solchen Symptomenkomplex zu heilen vermag, wie sie ihn bei einem gesunden Menschen im Rahmen einer Arzneimittelprüfung (oder auch einer Vergiftung) hervorruft.
Die praktische Arbeit der HomöopathInnen mit ihren Arzneimitteln besteht nun zum einen darin, durch Arzneimittelprüfungen (gewöhnlich an Gruppen von KollegInnen) die Eigenschaften möglicher Heilmittel herauszufinden, und zum anderen, mittels ausführlicher Gespräche der Anamnese zu ermitteln, welches beim jeweiligen Patienten der zu heilende Zustand ist und welches der bekannten Arzneimittel diesem am ähnlichsten ist.
Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, stieß auf dieses Gesetz der Ähnlichkeiten, als er beim Übersetzen eines medizinischen Buches eine Behauptung über die Wirkungen von Chinarinde überprüfen wollte. Er nahm sie einfach ein paar Tage lang ein und bemerkte zu seiner Überraschung, daß diese Substanz bei ihm als Gesundem sehr typische Malariasymptome hervorrief. Chinarinde war damals das übliche medizinische Hauptmittel gegen diese schwere Tropenkrankheit, und auch heute noch verwendet die Schulmedizin chemisch modifizierte Extrakte aus der Chinarinde gegen Malaria. Hahnemann erlebte also an sich die Symptome, gegen welche die Chinarinde eigentich eingesetzt wurde ausgelöst durch das Heilmittel selbst. Er experimentierte weiter, an sich und an Familienmitgliedern, und fand heraus, daß er auf eine allgemeine Gesetzmäßigkeit gestoßen war, die auch von Ärzten der Antike, von dem berühmten Hippokrates etwa, und dem wichtigsten Arzt des späten Mittelalters, von Paracelsus, formuliert worden war. Als gebildeter und belesener Gelehrter wird Hahnemann von den Ideen seiner Vorgänger über Heilung durch Ähnliches sicherlich gewußt haben, aber es entsprach dem Geist seiner Zeit, daß er auf eine Behauptung erst vertraute, als er sie durch Versuche selbst bestätigen konnte. Den Rest seines Lebens verbrachte Hahnemann damit, an dieser Idee weiter zu forschen, neue Heilmittel zu prüfen und die Ergebnisse zu systematisieren, die Regeln seiner Heilweise zu verfeinern und eine Zubereitungsform der "homöopathischen" Mittel (wie er sie dann nannte) zu erarbeiten, die seinen hohen Ansprüchen an eine schnell, sanft und dauerhaft wirkende Arznei genügte.
Die Ermittlung der Substanz, die dem Gesamtbild der Symptome des Patienten am nächsten kommt, die Mittelfindung, ist keine leichte Arbeit. Schließlich will aus hunderten bekannten Mitteln mit zum Teil recht ähnlichen Eigenschaften das ähnlichste gefunden werden. Auch hängt das Ergebnis davon ab, wie gut der Behandler die Problematik des Patienten verstanden hat, denn häufig zeigt sich in den ersten Gesprächen nur die Oberfläche der eigentlichen Geschichte.
Ein sehr einfaches Beispiel zur Illustration: Eine Patientin kommt in die Praxis, weil sie über Halsschmerzen klagt, die seit drei Tagen immer schlimmer werden. Mir fällt schon ihre etwas mürrische, abwehrende Art auf. Ich lasse sie erzählen: Die Halsschmerzen stechen, besonders beim Schlucken, und werden schlimmer, wenn sie den Kopf bewegt. Außerdem klagt sie über furchtbaren Durst. Einen Grund für die Halsschmerzen sieht sie nicht, sie habe sich nicht erkältet und habe auch sonst keine weiteren Symptome. Auf Befragen erklärt die Patientin, daß sie sich allgemein jetzt nicht gern bewege und daß ihr der Weg in meine Praxis schon zu viel gewesen sei. Das entspricht meiner anfänglichen Wahrnehmung ihrer Stimmung. Das homöopathische Arzneimittel, welches ihr helfen wird, ist Bryonia, die Zaunrübe. Die typischen Zeichen dieses Mittels sind so gut bekannt, daß ich es auch nicht eigens nachlesen muß. Um sicher zu gehen, frage ich sie noch, ob sie in dieser Erkrankung lieber allein oder in Gesellschaft sei; und sie bestätigt meine Vermutung, daß sie am liebsten in Ruhe gelassen werde und sonst ziemlich grantig reagiere. Ich bin damit aber noch nicht zufrieden, weil ich noch eine andere Stimmung im Hintergrund spüre, und bin deshalb sicher, daß das noch nicht die ganze Geschichte ist. Wie ich diese Patientin kenne, glaube ich, daß es für sie wichtig und hilfreich wäre, wenn sie das Gesamtbild ihrer Halsschmerzen weiter spannen könnte. Deshalb bitte ich sie, von ihren Erlebnissen und Stimmungen der letzten Tage zu erzählen. Darauf berichtet sie, daß sie in Kürze in ein neues Haus ziehen wollen, dessen Finanzierung zwar gesichert sei, doch würde sie sich trotzdem viele Gedanken darüber machen. Gerade vor drei Tagen hätten ihr Mann und sie einen Termin bei der Bank gehabt. Während sie dies erzählt, fällt ihr selbst auf, daß die Halsschmerzen genau seit diesem Termin aufgetreten sind. Sie lacht über dieses Aha-Erlebnis, bekommt ihr Mittel und geht nach Hause. Vom Arzneimittelbild "Bryonia" sind Ängste um den Besitz und das Geschäft bekannt. Im Bilde gesprochen: Für die Zaunrübe ist der Gartenzaun sehr wichtig, denn an ihm muß sie emporranken.
Für die Mittelwahl ausschlaggebend war nicht das Auftreten von Halsschmerzen an sich, sondern der typische stechende Schmerzcharakter, der sich ebenso in der Blase oder bei Husten hätte zeigen können, sowie der starke Durst und die Verschlimmerung der Beschwerden durch jede Bewegung.
Zu der Fallgeschichte ist außerdem zu bemerken, daß die finanziellen Sorgen nicht als "psychische" Ursachen der Halsschmerzen gelten. Im homöopathischen Sinne sind sie Teil eines Beschwerdebildes, das auf verschiedenen Ebenen analog auftritt. Allerdings ist die psychische Seite des Beschwerdebildes unserem Erleben, unserem Ich meistens näher und leichter "verstehbar" als die Körpersymptome. Deshalb läßt sich über sie der bewußte Kontakt mit unserer Lebensganzheit leichter wieder herstellen. Die Begegnung mit dem homöopathischen Arzneimittel Bryonia wird der betroffenen Patientin zunächst helfen, ihre Halsschmerzen loszuwerden (in diesem Falle bis zum nächsten Morgen) und auf längere Sicht ihre Ängste um die materielle Sicherheit mindern. Solche Veränderungen werden manchmal durch Träume erlebbar und oft durch kaum bewußte innere Veränderungen im Alltag. Eine therapeutische Begleitung dieses Prozesses kann darüber hinaus ein tieferes Verständnis der Bedürfnisse nach Sicherheit und Stabilität vermitteln.
Schon Hahnemann hat in einer Zeit, als es noch lange keine Psychologie gab, erkannt, daß die seelischen Zustände er nannte sie "Gemütssymptome" für das individuelle Verstehen eines Krankheitszustandes die wichtigsten sind. Allerdings und das ist der besondere Vorzug der homöopathischen Methode werden auch alle körperlichen Zustände und Empfindungen als Äußerungen des Organismus ernst genommen und in das Gesamtbild integriert. Dieses Gesamtbild ist die homöopathische "Diagnose". Die oben vorgestellte Patientin ist somit "Bryonia"-krank. In der Homöopathie fallen Diagnose und Therapie zusammen. Wenn ich den Zustand erkannt habe, kenne ich auch das Heilmittel im Idealfalle. Theoretisch gibt es unendlich viele verschiedene Heilmittel, pflanzliche, tierische, mineralische, chemische und andere Stoffe, die sich in homöopathischer Zubereitung verwenden ließen und in der Arzneimittelprüfung jeweils typische Zustände erzeugen würden. Niemand könnte diese Fülle überblicken. Hahnemann arbeitete mit etwa neunzig verschiedenen Mitteln, heute sind einige hundert Mittel recht gut bekannt und geprüft, und ständig kommen neue hinzu. Deshalb kann es immer wieder sein, daß in der konkreten Behandlung die Ähnlichkeit zu einem Zustand nur mäßig genau getroffen werden kann, daß man einen Zustand auch mit mehreren Mitteln "einkreisen" muß, oder aber daß ich als Behandler vor einem Zustand stehe, den ich zwar sehr genau und typisch beschreiben kann, dafür aber kein homöopathisches Mittel weiß, das ihm gut entspricht. Dann ist zu hoffen, daß ich in Gesprächen mit KollegInnen, durch weitere Lektüre oder auch erst durch die Arzneimittelprüfung neuer Substanzen auf das passende Mittel für diesen Menschen stoße. Zum Glück sind solche Fälle eher selten, und wir können mit den uns gut bekannten Mitteln im allgemeinen befriedigend helfen. Mit dem feinen inneren Zusammenspiel von Behandler, Patient und Arzneimittel werden wir uns im übernächsten Kapitel ausführlich beschäftigen.
Das Faszinierende der Diagnosen "Bryonia", "Lachesis" oder "Natrium muriaticum" gegenüber den klinischen Diagnosen ist, daß der Patient mit dem Heilmittel einen Spiegel seines inneren und äußeren Zustandes erhält, also eine Substanz der Welt als mögliche Hilfe zur Selbsterkenntnis erhält. Es ist für die homöopathische Heilung nicht erforderlich, daß die PatientInnen dies wissen oder beachten, kann aber für ein erweitertes Verständnis der Heilung und für die Erweiterung des eigenen Bewußtseins sehr spannend sein, sich damit auseinanderzusetzen.
Dynamis und Potenzierung
Was hat es nun mit dem zweiten Pfeiler der Homöopathie, der homöopathischen Zubereitung von Arzneimitteln auf sich? Auf den ersten Blick scheint es ganz einfach: Homöopathische Arzneimittel werden hergestellt, indem man eine gründlich verriebene Substanz im Verhältnis 1:100 verdünnt und dann zehnmal rhythmisch verschüttelt, das heißt mit dem Fläschchen in der Hand auf eine feste Unterlage schlägt. Das ist die sogenannte Potenzierung (Genaueres siehe Kasten). Potenzierte Mittel werden mit C und einer Zahl gekennzeichnet, die die Anzahl der durchgeführten Potenzierungsschritte (Verdünnung plus Verschüttelung) angibt. Bei einer "Lachesis C 12" wäre also der Ausgangsstoff, das Gift der Buschmeister-Schlange, zwölf Mal im Verhältnis 1:100 verdünnt und jeweils rhythmisch verschüttelt worden. Man kann leicht nachrechnen, daß bei Potenzen oberhalb von C 12 kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden ist. An dieser Tatsache entzünden sich immer wieder die wissenschaftlichen Gemüter, aber die Homöopathie ist keine chemische Therapieform. Ihre Wirkung beruht nicht auf den chemischen Inhaltsstoffen. Sonst wäre es ja völlig unsinnig, Potenzen bis in Millionenhöhe herzustellen. Schon die in der klassischen Homöopathie verwendeten häufigsten Potenzstufen C 30 und C 200 bewegen sich in Verdünnungsbereichen, in denen chemisch längst nichts mehr nachweisbar ist. Kein Homöopath wäre so dumm, diese Tatsache zu übersehen. Deshalb gehen die Diskussionen darüber, daß in den Mitteln "nichts drin" sei, an der Sache vorbei. Man müßte schon behaupten wollen, jede denkbare Wirkung müsse immer chemisch sein. Das ist natürlich Unsinn. Chemisch gesehen lassen sich auch zwei Schallplatten oder zwei Bücher nicht unterscheiden und schon gar nicht auf den Sinn ihres Inhaltes überprüfen.
Der Charakter einer homöopathischen Potenz ist eher der einer Information. Das homöopathische Arzneimittel gibt dem Organismus eine Mitteilung, einen geistigen Impuls, wie ein besseres Gleichgewicht eingestellt werden kann. Hahnemanns Vorstellung davon war, daß ein homöopathisches Mittel beim Kranken wie auch in der Arzneimittelprüfung beim Gesunden eine künstliche Krankheit hervorruft. Beim Kranken sei diese aber der bereits vorhandenen Krankheit so ähnlich, daß sie diese auslösche. Wir können dazu auch das moderne technische Bild der Resonanz zu Hilfe nehmen, um uns eine Vorstellung davon zu bilden. Ähnlichkeit als ein abgestimmtes Resonanzgeschehen. Oder wir können uns vorstellen, daß das homöopathische Mittel eine im Organismus vorhandene Information gleichsinnig (eben homöo-pathisch) so verstärkt, daß die Lebenskraft endlich richtig darauf reagieren kann. Alle diese Bilder und Verstehenshilfen haben gemeinsam, daß sie keine stoffliche oder energetische Wirkung, sondern eine Informationsübertragung annehmen. Damit wird auch verständlich, daß das Mittel in sehr kleinen und sehr seltenen Gaben verabreicht wird je besser und genauer es wirkt, um so seltener. Es ist wie mit einem guten Rat: Wenn ich ihn im rechten Augenblick und auf passende Weise gebe, muß ich ihn nicht wiederholen. Wenn ich mehrmals laut schreien muß, stimmt mit meinem Rat etwas nicht. Was dann aufgrund eines solchen homöopathischen Impulses geschieht, ist die Eigenreaktion des Organismus, beziehungsweise der Dynamis, seiner Lebenskraft.
Hahnemann sah in der Potenzierung von Heilmitteln eine Möglichkeit, das Dynamische oder Geistartige eines Stoffes zu verstärken und gleichzeitig durch Verdünnung die physischen Giftwirkungen zu reduzieren oder auszuschließen. Als Ursache einer Erkrankung sah er die Verstimmung der Lebenskraft eines Menschen, der "Dynamis" wie er sie nannte. Deshalb sollte auch ein Heilmittel nicht direkt auf den physischen Körper wirken, sondern auf die Dynamis, deren Verstimmung sich äußerlich als "Krankheit" zeigt. Diese Verstimmung kann verschiedene Ursachen haben, die natürlich auch abgestellt werden müssen. Aber für die Heilung ist hauptsächlich wichtig, wie diese Verstimmung ist, das heißt, wie ein Organismus (damit ist das Zusammenspiel von Körper, Lebenskraft, Seele und Geist gemeint) auf eine Situation, auf einen äußeren Reiz reagiert. Über das innere Wesen der Krankheit, so meinte Hahnemann, können wir eigentlich nichts wissen. Wir müssen uns an die Zeichen, an die Symptome halten, die der Mensch uns zeigt. In diesen äußert sich die Art, wie die Dynamis verstimmt ist und wie sie folglich geheilt werden kann. Die körperliche Ebene des Daseins ist in dieser Sichtweise Hahnemanns nur Träger von Zeichen; das Leben, Gesundheit und Krankheit spielen sich auf einer anderen Ebene ab, die wir aber nicht direkt wahrnehmen können. Hahnemanns Zeitgenosse Goethe formulierte: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis." Es ist also keineswegs eine Folge von Hahnemanns Unkenntnis der molekularen Vorgänge und der erst später entdeckten Avogadro´schen Zahl, daß er seine Potenzen in Verdünnungsbereiche brachte, in denen keine Stofflichkeit mehr übrig blieb. Vielmehr ist gerade dies das Prinzip seiner Heilmethode. Wie den Alchimisten geht es ihm darum, das Wesen oder den Geist einer Substanz von der groben Stofflichkeit zu befreien. Die Idee als solche ist uralt, aber sein Potenzierungsverfahren ist wohl eine echte Neuerfindung. Man kann sogar sagen, daß ein potenziertes Mittel um so länger, tiefer und intensiver wirkt, je höher die Potenz ist, je weiter von der Stofflichkeit entfernt.
Wie Sie aus der letzten Beschreibung erkennen konnten, ergibt das gesamte Vorgehen innerhalb eines naturwissenschaftlichen Rahmens überhaupt keinen Sinn. Vielmehr wird die materielle Ebene sowohl im Verständnis von Krankheiten als auch in der praktischen Herstellung von Heilmitteln bewußt verlassen. Auch die Idee der Ähnlichkeit spielt im mechanistischen Denken der modernen Naturwissenschaften keine Rolle. Deren Denken ist ein lineares: Ursache und Wirkung folgen physikalischen und chemischen Wirkungsprinzipien. Daß Stoffe oder Wesen der Natur etwas miteinander zu tun haben oder aufeinander wirken können, weil sie sich "ähnlich" sind, ergibt im schulwissenschaftlichen Denken keinerlei Sinn. Zwar strebte Hahnemann nach möglichst großer Exaktheit und stützte sich minutiös auf seine Beobachtungen; aber er bewegte sich damit nicht auf dem Boden der Weltanschauung, die wir heute als die modernen Naturwissenschaften kennen. Diese andere Weltanschauung und Wissenschaft werden wir im nächsten Kapitel genauer verfolgen und uns jetzt weiter der Homöopathie zuwenden.
Krankheit und Wahrnehmung
Mit dem bisher geschilderten Ansatz lehrt uns die Homöopathie also als erstes: Meine Krankheit ist nicht etwas Äußeres, das nur Spezialisten an mir finden können. Sondern meine Krankheit ist das, was ich selbst spüren und wahrnehmen kann, an meinem Körper und auch in meiner Seele. Ich habe nicht eine "Angina" wie hunderttausende andere Europäer im Herbst auch. Das ist nur ein ungenaues Etikett. Vielmehr spüre ich stechende Schmerzen beim Schlucken, die draußen geringer sind als im warmen Raum; dabei kann ich Trockenes leichter schlucken als Flüssigkeiten, was mir ganz seltsam vorkommt; außerdem sind die Schmerzen morgens beim Aufwachen viel schlimmer; bei alledem schwitze ich viel stärker als sonst, besonders nachts.
Häufig ist uns diese genaue Wahrnehmung unserer selbst weitgehend verloren gegangen wir sind nie danach gefragt worden, sie galt als unwichtig, als "subjektiv" oder gar als Einbildung. Wir haben gelernt, unsere Wahrnehmungen zu übergehen und statt dessen in Etiketten zu denken. Im Laufe einer homöopathischen Behandlung lernen wir wieder, uns selbst sehr genau zu beobachten. Wir lernen Abläufe und Rhythmen unseres Körpers und unseres Energiehaushaltes wieder kennen, die schon immer da waren. Es erschließt sich ein Teil unserer Innenwelt, den wir so nicht kannten. Dadurch kommt uns das Krankheitsgeschehen näher, und wir erleben, daß wir nicht eine Krankheit "haben" wie einen ungebetenen Gast, den wir wieder wegschicken können. Vielmehr sind wir krank, ist die Krankheit eine Äußerungsform, die in ein Muster unserer Persönlichkeitsstruktur hineinpaßt, wenn auch auf sehr unangenehme oder sogar bedrohliche Weise. Weil diese Tatsache so wichtig und doch so unvertraut ist, möchte ich sie noch einmal wiederholen: Meine Art krank zu sein ist für mein Wesen ebenso typisch und eine ebenso einzigartige Lebensäußerung wie meine Handschrift, mein Fingerabdruck, meine Art zu arbeiten, zu malen, zu sprechen und zu lieben. Krankheit befällt mich nicht, sondern ist meine individuelle Art, auf die Anforderungen des Lebens zu reagieren, sie zu verarbeiten oder abzuwehren. Und nur auf dieser ganz individuellen Ebene ist es möglich, eine andere Lösung für meine Lebensaufgaben und -probleme zu finden als das Krankwerden. (Am Rande sei bemerkt, daß es auch überindividuelle Erkrankungen gibt, Epidemien, die anderen Gesetzen folgen und anders zu betrachten sind. Aber das soll zunächst außen vor bleiben.)
Unmittelbare Beobachtungen werden heute entweder ganz ignoriert oder aber sie werden sehr schnell gedeutet und psychologisch eingeordnet. Insofern ist es sehr wertvoll, die genaue Wahrnehmung vor aller Deutung und Theorie erst einmal zu üben und zu verfeinern. Diese Selbstwahrnehmung ergibt ein Gesamtbild, dem dann von homöopathischer Seite das Bild eines Arzneimittels gegenübergestellt wird. In der Begegnung mit dem Heilmittel können wir dann erfahren, wie sich einige Züge unseres Musters verändern, wie sich schmerzhafte oder leidvolle Aspekte des Musters in konstruktivere verwandeln, oder wie auch manchmal Muster aus der Vergangenheit wieder auftauchen. So nehmen Gesundheit und Selbsterfahrung in gleichem Maße zu. Umgekehrt sind auch der Behandler, die Behandlerin auf eine immer besser differenzierte Selbsterkenntnis und beobachtung seitens der Patienten angewiesen. Denn komplexe Krankheitszustände lassen sich oft nicht auf den ersten Blick vollständig erkennen und verstehen. Die homöopathische Behandlung ist eine gemeinsame Reise von PatientIn und BehandlerIn, bei der sich genaue Beobachtung und genaue Mittelwahl gegenseitig ergänzen. Dadurch entsteht bei den Patienten nie das Gefühl, nur Objekt einer Behandlung zu sein. Vielmehr lernen sie, auf die eigene Kraft und das eigene Gespür zu vertrauen. Und letzten Endes entsteht Heilung dort, wo der Knoten sich ganz löst, wo wir unsere Muster klar erkennen, annehmen und ins Gleichgewicht bringen können.
Hahnemann wie auch viele seiner Nachfolger haben diesen Aspekt der Bewußtwerdung nicht für wichtig gehalten haben. Natürlich vermag die Homöopathie Lebewesen zu heilen, die keine Fähigkeit zur Selbstreflexion besitzen, oder auch Menschen an ihrem Bewußtsein vorbei zu heilen. Allerdings hat Hahnemann in seinen späten Jahren deutlich ausgesprochen, daß sein bisheriger Ansatz der Homöopathie nicht zu vollendeter Heilung führe. Er hat dann bis zu seinem Tode seine Miasmen-Theorie der chronischen Krankheiten zu entwickeln versucht, denn er wußte, daß sein homöopathischer Ansatz einer Ergänzung bedurfte, um Heilung dauerhaft zu machen und das ständige Verschieben von Symptomen zu verhindern, welches für so viele Therapieformen typisch ist. Aus der Sicht heutiger vielfältiger Therapieerfahrungen und auch im Rückgriff auf diejenigen Heilweisen, auf deren Basis die Homöopathie (ohne daß Hahnemann dies bewußt war) entstanden ist, wage ich die Vermutung, daß gerade diese Komponente der Bewußtwerdung zumindest für den modernen erwachsenen Menschen ein entscheidender, für Hahnemann fehlender, Faktor sein könnte, um eine wirklich stabile Gesundheit zu erreichen. Wenn Behandler und Patient diesen Weg gemeinsam beschreiten, kann die Homöopathie ein ideales Instrument dafür sein.
Der Heilungsverlauf
Noch einmal zurück zur homöopathischen Praxis. Wir haben bisher die beiden Hauptsäulen der homöopathischen Arbeit kennengelernt: das Ähnlichkeitsgesetz und die Potenzierung der Arzneimittel. Außerdem sind uns die Arzneimittelprüfungen als wichtigste Methode des Erkenntnisgewinnes über die Arzneien begegnet. Es wurde erkennbar, daß die Homöopathie eine ganzheitliche Therapieform mit eigenen Gesetzmäßigkeiten ist. Sie blickt auf zweihundert Jahre systematischer Erfahrung zurück und ist keinesfalls eine ergänzende oder Komplementärmedizin zur derzeit vorherrschenden Schulmedizin. Vielmehr handelt es sich um eine Medizin, die sich an den ganzen Menschen wendet und sich mit jeder Art der Erkrankung auseinandersetzen kann.
Zur Ganzheitlichkeit gehört auch die zeitliche Dimension: Während einer homöopathischen Behandlung kehren oftmals frühere Symptome wieder, häufig rückwärts verlaufend in der Reihenfolge ihres Auftretens. Es sieht so aus, als würde der Organismus mit Hilfe seiner gesundenden Lebenskraft gleich auch die "Leichen aus dem Keller" holen und alte Probleme aufarbeiten, die zuvor unterdrückt werden mußten. Die Wiederherstellung der Lebensganzheit geschieht gesetzmäßig auch auf der zeitlichen Schiene. Umfassend gesund sind wir nur, wenn wir auch Licht in unsere Vergangenheit gebracht haben. Der Prozeß einer ganzheitlichen Heilung unterscheidet dabei nicht zwischen seelischen und körperlichen Traumata. Alle Ebenen der Erfahrung werden aufgerollt, bis der Prozeß alle Schichten des Menschen sowie alle Stadien seines Lebens berührt hat. Wer die schnelle Beseitigung lästiger Beschwerden wünscht, ist mit solch einem umfassenden Heilungsansatz nicht immer gut bedient. Zwar kann eine homöopathische Therapie in einfachen Fällen auch schnell und schlicht lästige Beschwerden beseitigen, bleibt damit aber nur im Vorfeld ihrer Möglichkeiten.
Ein ganzheitlicher Heilungsprozess verläuft sehr oft von innen nach außen oder auch von oben nach unten. Dies beruht auf der Entwicklung von überlebenswichtigen (oft inneren oder oberen) Organen zu weniger wichtigen. So ist etwa Asthma für den Organismus bedrohlicher als ein Ekzem, ist eine Entzündung am Herzen gefährlicher als eine Gelenksentzündung und so weiter. Hauterscheinungen wandern oft vom Kopf über den Rumpf zu den Beinen, um schließlich ganz zu verschwinden. Eine Entwicklung von Symptomen in diese Richtung wird also im Rahmen einer homöopathischen Behandlung als günstig bewertet; wenn umgekehrt etwa ein Hautausschlag verschwindet, aber asthmatische Beschwerden auftreten, gilt dies als Zeichen für eine "Unterdrückung" der Krankheit, das heißt einer Verschlimmerung, die unerwünscht ist und einen neuen Ansatz im Heilungsverlauf erforderlich macht. In der Schulmedizin, die diese ganzheitlichen Gesetzmäßigkeiten nicht berücksichtigt, kommt es immer wieder zu solchen unterdrückenden Verläufen, ohne daß diese Zusammenhänge auch nur auffallen. Denn für die neu auftretenden Symptome ist entweder ein anderer Spezialist zuständig, oder der Zusammenhang wird aus theoretischen Gründen nicht für möglich gehalten und deshalb meistens auch gar nicht erst beobachtet.
Wer mittels Cortison, Anthistaminica, Hormonen oder etlichen anderen Substanzen wichtige Reaktionsbereiche des Organismus blockiert, schränkt die Möglichkeiten der Entfaltung von Lebenskraft so stark ein, daß ein homöopathisches Mittel kaum noch eine Wirkung zeigen kann. Das ist der Grund, warum Homöopathie nur im Ausnahmefall "begleitend" oder "ergänzend" zur Schulmedizin eingesetzt werden kann. Beide Behandlungsformen widersprechen sich und verfolgen ein gegenteiliges Ziel. Eine homöopathische Behandlung fördert die Eigenreaktionen des Organismus, die Schulmedizin unterdrückt sie häufig und unterbindet sie auf chemischer Ebene.
Zu Hahnemanns Lebzeiten und auch noch hundert Jahre danach waren die unterdrückenden Möglichkeiten der Medizin andere als heute es gab weder Impfungen, noch Antibiotika oder Cortison. Und nur die wenigsten Menschen konnten sich die damalige akademische Medizin leisten (womit sie sich viel Leid ersparten). Deshalb sahen die frühen Homöopathen noch häufig sehr überschaubare und gesetzmäßige Heilungsverläufe. Heute haben fast alle PatientInnen, die in die homöopathische Behandlung kommen, schon eine Fülle an Medikamenten eingenommen, sind vielfach geimpft und stehen unter dem ständigen Einfluß einer unüberschaubaren Masse an Umwelt- und "Genuß"chemikalien. Die Folge ist nicht nur ein wirres Geflecht von unterdrückten und mehrfach unterdrückten Symptomenkomplexen sondern auch eine Reihe von "Arzneikrankheiten" oder "künstlichen Krankheiten", wie Hahnemann sie nannte. Damit meinte er solche Krankheiten, die nicht durch die Widrigkeiten des Lebens entstanden sind, sondern die vom Menschen selbst durch den Einsatz von Giften oder schädlichen "Behandlungs"methoden hervorgerufen wurden. Hahnemann hielt solche Beschwerden für homöopathisch unbehandelbar. Zum Glück hat er mit dieser Einschätzung nicht ganz Recht behalten, sonst wäre heute eine homöopathische Praxis nicht mehr zu betreiben. Aber richtig ist, daß der größte Teil der Krankheits- und Heilungsverläufe, die wir heute beobachten, nur noch phasenweise den Regeln folgt, die von den Vätern der Homöopathie formuliert wurden. Viele Verläufe sind verwirrend, springen zwischen Symptomenkomplexen hin und her und lassen sich nur durch geduldiges und stetiges Weiterbehandeln einer Heilung zuführen.
Das Gleichgewicht läßt sich heute aufgrund unserer anderen Lebensweise mühsamer wiederherstellen als vor zweihundert Jahren. Aber damals wie heute geht es um das gleiche Ziel. Dabei ist das verordnete homöopathische Arzneimittel ein präziser Reiz, der die Lebenskraft, die Dynamis, veranlaßt, ihrer Aufgabe wieder vollständiger nachzukommen und nach den in ihr liegenden Gesetzmäßigkeiten die Ganzheit des Organismus herzustellen und lebendig zu erhalten. Es ist wichtig, sich dies bei schwierigen Heilungsverläufen immer wieder vor Augen zu halten: Die Regeln sind nicht diejenigen der Homöopathie oder eines anderen ganzheitlichen Verfahrens, sondern ein Organismus muß den Regeln des Lebens folgen, die von seiner Dynamis vermittelt werden.
Eine oft zu beobachtende Verlaufsregel der homöopathischen Behandlung ist die sogenannte Erstreaktion oder auch "Erstverschlimmerung". Das bedeutet, daß in vielen Heilungsverläufen der Zustand des Organismus so angeregt wird, daß die Symptomatik in den ersten Stunden (oder Tagen, je nach Krankheit) zunächst verschlimmert wahrgenommen wird, um dann in Heilung überzugehen. Die Intensität und Schnelligkeit der Heilreaktion hängt ganz von der vorhandenen Lebenskraft des betroffenen Menschen ab. Schnell heilen können die akuten Erkrankungen, zu denen in der Homöopathie all die Leiden gezählt werden, die als Reaktion auf eine äußere Schwächung der Lebenskraft aufgetreten sind. Schwieriger zu behandeln sind meistens die chronischen Erkrankungen, die den Organismus über Jahre oder Jahrzehnte beschäftigen und die oft schon als ein sogenanntes "Miasma" aus der Familiengeschichte mitgebracht werden. In der Therapie ist es deshalb wichtig zu unterscheiden, ob man es mit einem im homöopathischen Sinne akuten Auftreten einer Krankheit oder mit der Äußerung einer chronischen Erkrankung zu tun hat. Dabei meint die Homöopathie mit den Begriffen akut und chronisch nicht das gleiche wie die Schulmedizin. Ein Infekt etwa kann unabhängig von seinen Symptomen entweder eine akute Krankheit sein, oder es kann sich um das Aufflackern eines chronischen Prozesses handeln, der sich jetzt als Infekt zeigt.
Das Zustandekommen der Erstreaktion erklärte sich Hahnemann so, daß ein Arzneimittel immer eine krankheitsartige Reaktion des Organismus erzwinge. Die Erstreaktion verdränge dann die vorhandene Krankheit sofern die "Ähnlichkeit" beider groß genug ist. Und die darauf einsetzende sekundäre Reaktion des Organismus auf den gesetzten Reiz führe schließlich zur Heilung. Mit dieser Erklärung lehnt er sich an Beobachtungen aus seiner Zeit über sich überlagernde Krankheiten an, die sich gegenseitig verdrängen können. Dieses Modell hält einer gründlicheren Betrachtung zwar nicht durchgehend stand, beschreibt aber ganz gut den Verlauf von natürlichen Heilprozessen. Vor allem aber entwirft Hahnemann damit einen bis heute vieltausendfach erprobten und verwendeten Zugang zur Erforschung von Heilmitteln. Es handelt sich dabei um die homöopathische Arzneimittelprüfung am Gesunden.
Arzneimittelprüfungen
Diese Prüfungen bilden die wichtigste Quelle für homöopathisches Wissen, worauf dann die klinischen Beobachtungen ergänzend aufbauen. Hahnemanns praktisches Basiswerk, die Reine Arzneimittellehre, ist eine Sammlung seiner ersten homöopathischen Arzneimittelprüfungen, eine Auflistung von zigtausenden Symptomen. Hahnemann selbst prüfte 99 Mittel. Nach ihm haben noch tausende weitere Prüfungen stattgefunden, so daß der homöopathische Arzneimittelschatz heute mehrere hundert einigermaßen gründlich geprüfte Mittel umfaßt (nicht mehrere tausend, wie oft behauptet wird). Einige hundert weitere Mittel sind nur aus praktischen Anwendungen, von Vergiftungssymptomen oder aus der Pflanzenheilkunde bekannt, jedoch nicht gründlich homöopathisch bearbeitet. Grundsätzlich kann man schon eine Vergiftung mit einer Substanz als eine einfache Arzneimittelprüfung betrachten, die jedoch aufgrund der Beobachtungsumstände meist wenig differenzierte Ergebnisse bringt. Insgesamt sind etwa zweitausend Substanzen irgendwie im homöopathischen Zusammenhang aufgetaucht, geprüft, verwendet oder erwähnt worden. Der homöopathischen Arzneimittelforschung steht also noch ein weites Feld offen, welches seit einigen Jahren nach langer Pause international intensiv bearbeitet wird.
Die Möglichkeit zu einer Arzneimittelprüfung beruht darauf, daß die Lebenskraft, die Dynamis auch gesunder Menschen empfänglich für Reize von Hochpotenzen ist und daraufhin charakteristische Symptome auf allen Wesensebenen (geistig, seelisch, körperlich) hervorbringt. Das systematische Erzeugen und Erfassen solcher Symptome und Zeichen bezeichnen wir als eine homöopathische Arzneimittelprüfung. Nach Hahnemanns Vorstellung gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Erzeugung von Prüfsymptomen oder einer Heilung durch eine Substanz. Die Lebenskraft reagiert immer auf die gleiche, für diesen Menschen und diese Substanz charakteristische Weise auf den Reiz. Liegt nun bereits eine gleichartige Verstimmung der Lebenskraft vor, so überlagert der Arzneimittelreiz den Krankheitszustand und die erfolgende Gegenreaktion der Dynamis löscht die Krankheitszeichen im Organismus aus. Liegt ein solcher krankhafter Zustand nicht vor, zeigen sich einfach die typischen Symptome des Arzneimittels in Reinform solange, bis der Organismus sie wieder beseitigt.
Damit ist die Homöopathie offenbar keine "Naturheilkunde" in dem Sinne, daß die Abwehrkräfte des Körpers auf natürliche Weise gestärkt werden sollen. Die Homöopathie arbeitet nicht mit dem Konzept der Abwehrkräfte und die von ihr eingesetzten Mittel sind auch nicht "natürlich". Vielmehr handelt es sich um Arzneimittel, die in einem Höchstmaße aufbereitet und aus ihrem "natürlichen" Zustand verändert worden sind. In gewisser Hinsicht, alchimistisch betrachtet, läßt sich zwar sagen, daß damit ein Stoff seinem Wesen näher gebracht wird, daß Materie durch Potenzieren zur Reife gebracht wird; aber das ist nicht "natürlich" im Sinne der Naturheilverfahren, die mit Wasser, Licht, Nahrung, Fasten, Bewegung, Mineralstoffen, Heilkräutern usw. den Organismus positiv zu beeinflussen versuchen. Das durchaus lobenswerte und wichtige Bestreben der Naturheilkunde, den belasteten Körper zu stärken, hat nichts mit dem Erkennen des geistigen Bildes oder Hintergrundes einer Erkrankung zu tun, wie die Homöopathie es versucht. Eine gesunde Lebensweise kann der Homöopathie insofern hilfreich sein, als sie zur Ausräumung von Heilungshindernissen beiträgt, auf die schon Hahnemann großen Wert legte.
Selbst manche Homöopathen, besonders aber die populäre Literatur verbreiten vielfach, die homöopathische Methode sei unschädlich und habe, selbst wenn sie nicht nütze, zumindest keine Nebenwirkungen. Doch alles, was zu heilen vermag, kann auch krank machen. Selbst ein harmloser Kräutertee, zur falschen Zeit und im Übermaß genossen, kann Symptome hervorrufen. Und unsere Kenntnis der homöopathischen Arzneimittel beruht gerade auf ihrer Fähigkeit, bei gesunden Menschen Symptome hervorzubringen, die sogenannten Prüfsymptome. Ohne diese zum Teil recht drastischen "Nebenwirkungen" wären die homöopathischen Arzneimittelprüfungen völlig sinnlos. Es ist ein Grundgesetz der Homöopathie, daß ein falsch verordnetes Mittel deutliche Symptome hervorrufen kann. Dieser Effekt ist in der Arzneimittelprüfung erwünscht und notwendig, in der Therapie aber sorgfältig zu beachten.
Eine Arzneimittelprüfung geht folgendermaßen vonstatten: Es findet sich eine Gruppe von Interessierten zusammen, meist HomöopathInnen, idealerweise um die 20 Personen. Unter diesen wird je ein bis zwei Prüfenden ein/e SupervisorIn zugeteilt, die den gesamten Verlauf der Prüfung beobachten, aufzeichnen, die Eingangsanamnese machen und für die Gesundheit der Prüfenden verantwortlich sind, das heißt im Falle zu heftig auftretender Symptomatik die Arzneimittelprüfung abbrechen.
Die Prüfenden nehmen von der (ihnen meist unbekannten) Substanz eine Potenz zwischen C 6 und C 200 solange ein, bis klare Symptome auftreten. Diese werden in einem Tagebuch, welches schon ein paar Tage vor Beginn der Prüfung zu führen ist, minutiös aufgezeichnet. Außerdem findet ein täglicher Kontakt zwischen Prüfenden und Supervidierenden statt, um eine äußere Beobachtung zusätzlich zu gewährleisten. Wenn nach ein paar Tagen bis zwei Wochen die Symptomatik wieder zurückgeht, findet eine lockere Nachbeobachtung in größeren Abständen über zwei bis drei Monate statt. Anschließend werden alle aufgezeichneten Symptome, Zeichen, Stimmungen, Träume und Eindrücke zusammengetragen und von der Prüfungsleitung ausgewertet, sortiert, gewichtet und in einem aufwendigen Arbeitsprozess in die Form gebracht, die dann als "homöopathische Arzneimittelprüfung" des betreffenden Mittels veröffentlicht werden kann. Die erste Sammlung solcher Ergebnisse war Hahnemanns Reine Arzneimittellehre. Sie dient den behandelnden HomöopathInnen als Grundlage ihrer Mittelverordnung. Im Laufe vieler Jahre zeigt sich, welche der unzähligen Symptome eines bestimmten Mittels bei Kranken häufig auftreten und welche durch dieses Arzneimittel geheilt werden konnten. Wichtiges scheidet sich so von Unwichtigem, Typisches von Allgemeinem; und nach und nach entsteht ein klinisch erprobtes, zuverlässiges "Mittelbild", anhand dessen eine homöopathische Verordnung getroffen werden kann. Die Materia medica der homöopathischen Arzneimittel enthält für jedes gebräuchliche Mittel eine Sammlung bewährter und oft bestätigter Symptome und macht sie dadurch handhabbarer. Allerdings bleibt der Text der Originalprüfung eines Mittels stets die letzte Instanz, um zu überprüfen wie passend es in einem Einzelfalle wirklich ist.
Bereits um die vorige Jahrhundertwende füllten ausführliche Arzneimittellehren
Dutzende dicker Bände, und heute wäre ohne moderne Computertechnik das im Laufe von zwei
Jahrhunderten angesammelte Material der internationalen homöopathischen Gemeinschaft
völlig unüberschaubar. Heutige HomöopathInnen haben zigtausende Seiten solcher
Prüfungstexte auf CD und informieren sich per Internet über neue Arzneimittelprüfungen.
Wie alle anderen Kenntnisse in unserem Kulturraum ist auch das homöopathische Wissen
unerhört komplex und umfassend geworden. Ob wir dadurch bessere BehandlerInnen geworden
sind, ist eine andere Frage.
"Was ist denn ein Arzt? Der ist es, der die Kranken gesund machen kann." (Paracelsus)
"Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke
Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt." (Hahnemann, Organon § 1)
Gesundheit, Krankheit und Symptome
Hahnemanns Satz, daß es gelte, "kranke Menschen gesund zu machen", klingt auf den ersten Blick fast trivial. Angesichts gerade der Entwicklung der modernen Medizin drängt sich jedoch die Frage auf, was wir unter einem "kranken Menschen" verstehen und wann wir uns "gesund" nennen dürfen. Die moderne Medizin weiß zwar unglaublich viel über Krankheiten, aber nichts über Gesundheit. Eines der wichtigsten Lebensgesetze ist, daß ich das erzeuge, worauf ich mich konzentriere. Eine Medizin, die sich nur um Krankheiten kümmert, kann gar nicht gesund machen, bestenfalls symptomfrei. Und so wird Gesundheit oft als Symptomfreiheit verstanden: Ich fühle mich dann gesund, wenn ich mich möglichst wenig spüre.
Ein Symptom weist darauf hin, daß ich krank bin; aber nicht das Symptom ist die Krankheit. Ein Symptom zum Verschwinden zu bringen, hat ebenso wenig mit der Überwindung des Krankseins zu tun, wie das Entfernen einer Warnlampe mit der Reparatur einer Maschine.
Schon der Sprachgebrauch ist verräterisch: Ich "habe" eine Krankheit, wie ich ein Auto habe oder wenig Geld, "habe" eine Krankheit wie etwas von außen Hinzukommendes, was ich loswerden möchte. Richtiger wäre zu sagen, "ich bin krank" oder "mir fehlt etwas". Die Symptome des Krankseins weisen auf das hin, was fehlt. Selbst die typische, oft paternalistisch verwendete ärztliche Frage "Na, was fehlt uns denn?" hat ihre Weisheit, denn was einem Menschen fehlt, das fehlt letztlich uns allen. Auch im Kranksein ist Individualität eine Illusion. Der einzelne Kranke trägt nur ein Problem der ganzen Gemeinschaft ins Spürbare, ist insofern selbst nur Symptom.
Richtig wäre zu sagen: Ich bin krank, und dieses Kranksein zeigt sich an meinen Symptomen. Die Symptome sind nicht nur Warnsignal, sondern auch Wegweiser zu dem, "was mir fehlt". Das Fatale an der Schulmedizin liegt gar nicht in der Giftigkeit ihrer Medikamente, sondern darin daß sie die Wegweiser wegräumt, bevor sie den Weg gefunden hat.
Hat Krankheit eine Ursache, oder verfolgt sie eine Absicht? Diese Grundentscheidung in der Sicht von Krankheit führt zu ganz verschiedenen Ansätzen in ihrer Behandlung. Verfolgt Krankheit primär eine Absicht, dann wäre es sinnlos, ihre Ursachen zu beseitigen. Das Kranksein wird sich eine neue Ausdrucksform suchen. Es muß dann darum gehen, ihr beim Erreichen ihres Zieles zu helfen, und dies möglichst auf eine Weise, die für den betroffenen Menschen zuträglicher ist als der Verlauf der Krankheit falls das möglich ist. Die verschiedenen ganzheitlichen Therapieformen beschreiten dazu unterschiedliche Wege.
Das bedeutet nicht, daß offenkundige Ursachen von Krankheit geleugnet werden sollen. In der Benennung von Krankheitsursachen, von Viren, Bakterien, Giften, Erziehung, Traumata usw. hat die Schulmedizin sicherlich Recht. Aber ebenso gewiß führt diese Betrachtungsweise nicht weiter, wenn es um Heilung geht. Die Ursache einer Krankheit zu beseitigen, nützt ausschließlich dann etwas, wenn ich das Kranksein (und damit das Leben überhaupt) für ein sinnloses Geschehen halte. Krankheit ist dann nicht der Ausdruck von etwas, sondern eine bedauerliche Panne, die behoben werden muß. Dethlefsen und Dahlke gehen so weit zu sagen: "Die Krankheit macht den Menschen heilbar. Krankheit ist der Wendepunkt, an dem das Unheil sich in Heil wandeln läßt. Damit dies geschehen kann, muß der Mensch seinen Kampf einstellen und statt dessen hören und sehen lernen, was die Krankheit ihm zu sagen hat. Der Patient muß in sich hineinlauschen und in Kommunikation mit seinen Symptomen gehen, will er deren Botschaft erfahren. (...) Er muß also das Symptom überflüssig machen, indem er ins Bewußtsein hineinläßt, was ihm fehlt. Heilung ist immer mit einer Bewußtseinserweiterung und Reifung verbunden."
Wenn wir einen solchen Zugang zum Heilen suchen, ist dreierlei zu bedenken: Erstens hat Bewußtwerdung nichts mit psychologischer Deutung zu tun. Dies wird oft verwechselt. Wenn ich irgendwo nachlese oder mir mein Therapeut erzählt, wofür ein bestimmtes Symptom steht, dann habe ich damit vielleicht eine interessante kognitive Erkenntnis gewonnen, aber kein größeres Bewußtsein und nicht mehr Gesundheit. Die Deutung von Vorgängen im Leben ist oft wichtig, um sie in unser mentales Abbild der Wirklichkeit einzuordnen und damit auch den Verstand zur Ruhe zu bringen, aber sie ändert nichts an der Wirklichkeit selbst. Bewußtwerdung ist etwas ganz anderes. Sie entsteht, wenn helles Bewußtsein in das Symptom selbst gebracht wird, welches bis dahin nur als Schmerz oder Unwohlsein erlebt werden konnte. Damit wird dieses Symptom in den geistigen Organismus der Person wieder aufgenommen und meistens auf die Ebene zurückgeführt, aus welcher es entstanden ist. Bewußtwerdung bedeutet, daß wir das integrieren, "was uns fehlt". Dieser Vorgang ist zwar bewußt, aber nicht verbal-gedanklich. Immer wieder begegne ich Menschen, die lange Psychotherapien hinter sich haben und mir sehr genau schildern können, warum sie ihre Probleme haben, was die Ursachen sind und warum sich diese körperlich ausdrücken müssen. Aber das Problem, dessen Ursache sie nun angeben können, bleibt. Ein Akt der Bewußtwerdung findet nicht im Verstand statt, sondern im Körper. Es ist eine typische Verwechslung unserer Zeit, das denkende und redende Alltagsbewußtsein für das Bewußtsein zu halten. Die Bewußtseinsanteile, um die es in den meisten Krankheiten geht, unterliegen aber nicht dem gedanklichen Zugriff. Das Fühlen ist der Ebene, auf die es ankommt, schon einen Schritt näher.
Die zweite Falle bei diesem Ansatz sind die kulturell tief verankerten Schuldgefühle, die sofort anspringen, wenn festgestellt wird, daß irgendetwas mit mir persönlich zu tun habe. Daher wirkt es als eine unglaubliche Entlastung für viele Menschen, wenn für ihre Erkrankung eine außen liegende Diagnose gefunden wird und wenn es nicht "psychisch" ist. Abgesehen davon, daß die ganzheitliche Betrachtung der Homöopathie diese Aufspaltung in äußere und innere Krankheitsursachen nicht kennt, hat es auch nichts mit Schuldverteilung zu tun, wenn man das Kranksein mit dem eigenen Leben verbindet und die Verantwortung dafür übernimmt.
Drittens ist der Weg der Bewußtwerdung zwar einer, den heute viele ganzheitliche TherapeutInnen favorisieren, der aber zunächst nicht Teil der homöopathischen Tradition war. Es ist möglich, Menschen an ihrem Bewußtsein vorbei zu heilen, das heißt Symptome zu beseitigen, ohne daß den Betreffenden ein Zusammenhang zu ihrem Leben deutlich geworden wäre. In dieser Hinsicht ist die Krankheit mit ihrer Symptomatik nur ein offenes Angebot zur Bewußtwerdung, keine Verpflichtung. Allerdings ist das Kranksein eine der größten Chancen zum Lernen, die das Leben uns bietet, gerade weil das Leid anders als bei kollektiven Ereignissen sehr genau auf uns zugeschnitten ist, sozusagen der perfekte Spiegel dessen, was "uns fehlt". Diejenigen Menschen jedoch, die sich einmal auf den Weg der Bewußtwerdung begeben haben, können sich nicht mehr einfach für eine "bewußtlose" Heilung entscheiden. Ihre Symptome drängen unabweisbar auf eine bewußte Bearbeitung.
Wenn wir darüber nachdenken, daß Krankheit einen "Sinn" im menschlichen Schicksal erfüllt und uns nicht daran hindert, sondern vielmehr dazu beiträgt, daß wir in einem umfassenderen Sinne "heil" werden ("daß unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers Daseins bedienen kann", wie Hahnemann es ausdrückt), dann gilt dieses Nachdenken zunächst nur für solche Lebensumstände, unter denen individuelles Schicksal sich überhaupt verwirklichen kann. Dort wo Menschen in völligem Elend leben, wie wir es leider für einen großen Teil der Menschheit zulassen, die von Seuchen und Hungersnöten heimgesucht werden, ist es sinnlos, von Krankheit als einem Weg oder einer Schicksalsaufgabe für das Individuum zu sprechen. Individueller Sinn kann sich nur dort erschließen, wo der einzelne Mensch von den Kollektivkräften hinreichend frei ist, um sich mit der eigenen Schicksalserfahrung überhaupt auseinandersetzen zu können. Unter derartigen Umständen ist die Menschheit insgesamt der kranke Organismus, der zu lernen und ein neues Gleichgewicht zu finden hat. Das Besondere des Menschenlebens ist, daß wir immer Sinntragende und -ertragende auf mehreren Ebenen zugleich sind: als Individuen, als Teil von Familien und Ahnenreihen, als Teil größerer sozialer Bewegungen, als Teil von Völkern und Nationen, als Teil religiöser Bewegungen und schließlich als Teil der Menschheit.
Für ein tieferes Verstehen unseres Lebens ist es entscheidend, die Sinnfrage auf der richtigen Ebene zu stellen. Die Erfahrungen mit Familienaufstellungen und systemischer Therapie in den letzten Jahren haben deutlich gemacht, in welchem Ausmaß sich ein Familienschicksal sozusagen "ohne Ansehen der Person" an einem einzelnen Menschen verwirklichen kann. Bestimmte Schicksalserfahrungen eines Individuums lassen sich allein aus der Stellung in der Ahnenreihe und im Familiensystem nahezu vorhersagen, unabhängig von den persönlichen Eigenschaften und Neigungen des betroffenen Einzelnen.
Diesen Erkenntnissen hat die homöopathische Theorie mit der Vorstellung der Miasmen vorgegriffen, welche Generationen übergreifen und die Disposition zu bestimmten Erkrankungstypen bedingen. Ohne eine Ausheilung dieser "Miasmen" so Hahnemann ist andauernde Gesundheit nicht möglich, auch nicht bei guter individueller Behandlung nach dem Ähnlichkeitsgesetz. Die Miasmentheorie ist unter HomöopathInnen umstritten geblieben, weil Hahnemann darin die reine Beobachtung einer Theorie unterordnet und diese obendrein nicht besonders einleuchtend ausgearbeitet hat. Jedenfalls scheint sie jeder Homöopath anders zu verstehen.
Bei Fragen nach der Sinnhaftigkeit des Krankseins, dem Verständnis von Gesundheit, dem Verhältnis von kollektiven und individuellen Prozessen, bewegen wir uns außerhalb der Empirie im Bereich der Spekulation und der Weltanschauung. Wenn ich nach dem Sinn von Krankheit und Gesundheit frage, muß ich auch fragen, welchen Sinn ich dem Leben überhaupt geben will. Jede Heilweise, die sich selbst ernst nimmt, verlangt nach dieser Auseinandersetzung. Die Fragen werden immer wieder neu beantwortet, von jedem Therapeuten, jedem Leidenden, jeder Generation, jeder Kultur. Wichtig ist, im Blick zu behalten, daß jede versuchte Antwort auf die Sinnfrage immer der Entscheidung für eine Heilmethode vorausgeht und niemals empirisch zu begründen ist.
Die individuellen Antworten sind nie losgelöst von weltanschaulichen
Rahmenbedingungen, aus denen ihre Sprache, ihre Bildwelt und Struktur stammen. In den
folgenden Kapiteln werden wir die zur Homöopathie gehörigen geistigen Konzepte
betrachten.